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![]() Cyberspace: Ein neues Land der Freiheit? Internet? World Wide Web? Ist doch nur was für verrückte Hacker, die den ganzen Tag vor ihrer Kiste sitzen, pickelige Jüngelchen, unfähig zu echten menschlichen Kontakten... so oder so ähnlich lauteten die ersten (Vor-) Urteile, mit denen dem beginnenden Netz-Boom in den Medien und an den Stammtischen begegnet wurde. Seit die Teilnehmerzahlen steigen - man schätzt inzwischen 1,5 bis 4 Millionen Deutsche mit Netzzugang - hat sich die Lage verändert. Plötzlich ist das "Netz der Netze" in aller Munde, die Printmedien berichten und fürchten gar um ihre Zukunft, die Unternehmen steigen ein, Internet-Dienstleister locken die Ahnungslosen mit "50 Millionen möglichen Kundenkontakten" und bald schon wird es keinen Pizzabäcker mehr geben, der nicht schon mal überlegt hätte, ob er nicht sein Angebot ins Web bringen soll... ;-). Bei den Geistesarbeitern sind die Rollen schön verteilt: die Techno-Euphoriker kommen vor allem aus den USA und rufen die "Digitale Revolution" aus: im Globalen Dorf seien alle gleich, jeder hätte die gleichen Chancen, man werde nun endlich ins Paradies eintreten, ja - so glauben einige ernsthaft - man werde den Tod überwinden, indem der Mensch sich zur überlegenen Mensch-Maschine, dem Cyborg, entwickelt oder seinen Geist in Gestalt von Daten ins Netz überträgt. Die Kulturpessimisten - vor allem (aber nicht nur) in Europa beheimatet - befürchten wie immer den Untergang, ja eine ganze Reihe Untergänge: des Lesens und Schreibens, des Denkens, des Geistes, der sozialen Sicherungssysteme, der Werte sowieso, kurzum: den Untergang der Menschheit, wie wir sie kennen, oder zumindest ihre Versklavung durch eine neue "Virtuelle Klasse". Wo viel Rauch ist, da ist auch Feuer - hier stimmt die alte Volksweisheit, denn mit Sicherheit wird die globale Vernetzung eine Menge verändern: Die Art wie wir leben und arbeiten, wie wir lernen und unser Bild der Welt bauen, wie wir Freundschaft und Gemeinschaft inszenieren, wird sich spürbar wandeln. Angesichts dieser Veränderungen, deren Art und Folgen wir noch kaum ahnen können, ist es nicht damit getan, ein paar hastig auf den Markt geworfene Bücher zu lesen, die die verrücktesten Spekulationen zusammentragen, weil der "Internet-Hype" es möglich macht. Gerade die Art, wie wir mit Informationen umgehen, wie wir ein Gespräch führen (bis hin zur Frage, wie wir einen Staat machen, eine Gesellschaft bilden) und welche Folgen dieser "Input" hat, ist ja dabei, sich zu verändern, zumindest steht die Tür heraus aus dem Gewohnten offen. Was, so kann man anfangen zu fragen, sind wir denn jetzt? Jede und jeder wird etwas anderes antworten. Meine persönliche Antwort ist: wir sind ein verdammt langweiliger und gelangweilter Haufen immer individueller werdender Individuen. Mit wachsender Freiheit von traditionellen Bindungen und Zwängen (Familie, Tradition, lebenslängliche Berufe, Glaubenssysteme) geraten wir immer tiefer in selbstgeschaffene persönliche Welten, die immer weniger miteinander zu tun haben. Was hat der Post-Angestellte, der in der Freizeit sein Aquarium pflegt mit seinem Nachbarn zu tun, der Werbetexte für einen neuen Radiosender schreibt? Was kann eine Tai-Chi-Lehrerin mit einem Pharmavertreter bereden? Gibt es Anknüpfungspunkte zwischen mir und den Asyl-suchenden Tamilen, die unter mir wohnen? Kaum! Man wird das normalerweise nicht als Mangel empfinden: jeder macht seins und das ist gut so, endlich sind wir so frei! Was uns noch gemeinsam betrifft, die Megasysteme Politik & Wirtschaft, sind einzig und allein dafür geschaffen, diese Freiheit des entwickelten Individuums der postindustriellen Länder zu ermöglichen und zu sichern. Solange der Waren- und Geldkreislauf läuft, ist alles in Ordnung und jeder kann jeden in Ruhe lassen und seiner Freizeitbeschäftigung nachgehen. Leider gewinnen die Systeme eine Eigendynamik, die sowohl soziale als auch ökologische Katastrophen ins Rollen bringen - und neuerdings stehen wir nicht mehr nur als mitleidige Zuschauer daneben. Aber uns sind die Möglichkeiten abhanden gekommen, irgendwie einzugreifen, etwas zu verändern, selbst wenn wir guten Willens sind. Warum? Die Art, wie nicht nur hierzulande kommuniziert wird (über Massenmedien, in wissenschaftlichen und politischen Zirkeln) läßt - vor dem Hintergrund der vereinzelten Individuen - garnicht mehr zu, daß irgendetwas gemeinsam gewollt und getan werden kann, was über die Verteidungung des Vorhandenen hinausgeht. Will man die Möglichkeiten des Cyberspaces einschätzen, muß man genau hinsehen, wie kommunikative Prozesse funktionieren und wie neue Formen entstehen können (der Medienphilosoph Villem Flusser zum Beispiel hat hier viel vorgearbeitet). Was wird sein, wenn einmal jeder jeden erreichen kann? Werden wir uns immer nur darüber unterhalten, was es alles Schönes zu kaufen gibt?
Kaufen - ein interessantes Stichwort! Sicher ist Euch schon aufgefallen, daß man kaum mehr anderes tun kann als kaufen und verkaufen. Für (fast) alles, was man gern tut, muß bezahlt werden und wer es nicht lassen kann, etwas zu produzieren, muß verkaufen - sonst wird er nicht FÜR WAHR GENOMMEN. Jenseits der Ware scheint es keine Welt mehr zu geben. Eine Berliner Biermarke wirbt mit dem Slogan "Wenn alles getan ist..." und bringt damit die Sache auf den Punkt. Unsere Welt ist so verregelt, alles ist in festen Bahnen, es gibt nichts mehr zu tun, wir sind zahlende Freizeit-Gestalter geworden, während die Welt echte Schwierigkeiten hat. Wer jenseite des Konsumierens etwas will, etwas bauen, etwas feiern, gar etwas ändern, hat erstmal das Problem, in den Massen die Leute zu finden, die Ähnliches wollen und andrerseits scheitert er an den Vorschriften (mittlerweile ist sogar das Grillen im eigenen Garten verboten!). Auch das unternehmerische Handeln ist heute fast unmöglich geworden: Man verdient leichter Geld damit, Existenzgründer über Gesetze und Fördermöglichkeiten zu beraten, als diese mutigen Gründer je verdienen. Die meisten gehen pleite, weil sie vor lauter Vorschriften garnicht dazu kommen, das zu tun, was sie eigentlich vorhatten.Kein Wunder, daß in einer derart verwalteten Welt der virtuelle Raum des Cyberspace als "Land of Freedom" glänzt, als Ort der Utopien, wo man endlich wieder mal "zur Sache kommen" kann. Was immer die Sache auch für den Einzelnen sein mag, die Chancen, Gleichgesinnte zu finden, stehen nicht schlecht. Welche Möglichkeiten letztlich Wirklichkeit werden, hängt von uns allen ab: werden wir Nur-Konsumenten bleiben und uns auch online von wenigen großen "Sendern" sagen lassen, was wir kaufen sollen - oder fallen uns interessantere Dinge ein? |