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Claudia Klinger: Meditationen über Dies und Das
 












Irgendwann ist dann klar: mit dem will ich nichts zu tun haben, oder: der ist ok!
































Viele fühlen sich einsam - trotz der Freunde. Warum?








Was wollen Menschen voneinander?













Spüren wir, wenn wir uns näher kommen, daß da garnichts ist, NIEMAND?





















26. November '96

"14 Mails warten in Ihrem Briefkasten" - wenn ich nicht gerade im Streß bin, freue ich mich über die Botschaft des Mailprogramms. Nie waren die Chancen so groß, Menschen zu finden, die "auf der gleichen Welle schwingen" - oder zumindest auf einer ähnlichen. Einige sind zu Freunden geworden, kaum wundere ich mich noch darüber, daß ich sie "in diesem Leben" noch nicht leibhaftig gesehen habe. Auch per Mail teilt sich mit, was der Andere für einer ist, wenn auch nicht in einer einzigen.

Am Anfang steht immer ein Gespräch über die Welt im Allgemeinen und Besonderen, angefangen beim Internet, der Welt, in der wir uns begegnen. Das Gespräch ist vorsichtig, abtastend, vielleicht auch provozierend und scherzend. Irgendwann ist dann klar: mit dem will ich nichts zu tun haben, oder: der ist ok!

Und dann wandelt sich das Kommunizieren, ich spreche nicht mehr mit dem Anderen wie mit einem totalen Gegenüber - dem GROSSEN ANDEREN - sondern wir wenden uns konkreten Dingen zu, gemeinsamen Interessen - der Andere ist ein Verbündeter geworden, einer von 'meinem Stamm'..... was uns verbindet, ist der Alltag, der aus den einmal gefundenen Gemeinsamkeiten entsteht. Wir schauen uns nicht mehr an, wir schauen gemeinsam in eine Richtung.

Aber das Bedürfnis, in Kontakt zu treten, bleibt, tritt nur zeitweise in den Hintergrund. Immer wieder nehme ich ein neues Gespräch auf, in dem es erst einmal "um alles und jedes" geht - locke den - neuen! - Anderen an mit meinen Gedanken - bis er nahe genug ist, daß der Umschwung einsetzt: Abstoßung oder "Eingemeindung" - und etwas in mir bleibt unbefriedigt, schaut wieder nach außen, auf ganz ANDERE.

Was ist das? Laufen im Laufrad und nirgendwo hinkommen! Im REAL LIFE geht es nicht anders: Menschen werden zu Freunden - und die werden dann nicht mehr so zuvorkommend behandelt, für ihren Besuch räume ich nicht extra das Zimmer auf, rolle nicht mehr "den roten Teppich" aus.

Viele fühlen sich einsam, trotz der Freunde - warum? Wir suchen Nähe und können doch nichts damit anfangen - fangen statt dessen etwas anderes an, werden "aktiv", leisten etwas, hoffen, dadurch wieder Menschen anzuziehen, die uns nah sind...um sie dann ins alltägliche Funktionieren einzubinden. Das bringt ein Gefühl von Sicherheit, aber nicht das, was man eigentlich wollte - oder?

Was wollen Menschen voneinander? Vielleicht wollen wir das, was die Bibel "erkannt werden" nennt und die Natur verlockt uns, zu glauben, wir fänden es im Sex (meist beginnt dieser Glaube ab 35 zu bröckeln...). Warum erkannt werden? Das Auge kann sich selbst nicht sehen, vielleicht rührt die Sehnsucht daher, daß wir uns selbst nicht erkennen können - und dies also vom Anderen ersehnen: er möge uns sehen und uns bestätigen, daß wir JEMAND sind, uns sagen, WER wir sind.

Wenn aber der Andere wirklich näher kommt, tritt diese Ablenkungsbewegung ein. Warum?

Wenn ich einen Gegenstand immer näher vor die Augen halte, beginnt er zu verschwimmen. Er verschwindet als Gegenstand. Liegt es daran? Spüren wir, wenn wir uns näher kommen, daß da garnichts ist, NIEMAND - nichts, außer den 1000 Sozialmasken, die jeder wie eine Zwiebel übereinander geschichtet hat, um daraus eine vorzeigbare Identität zu basteln?

Wie schrecklich, ein NIEMAND zu sein? Vielleicht auch eine Entspannung, muß ich mich doch dann nicht mehr so anstrengen und so tun, als ob. Könnte ich öfter in dieser Erkenntnis aushalten, würde ich vielleicht auch andere Vorteile bemerken: wenn da niemand ist, ist überall "derselbe" - hinter den 10.000 Verschiedenheiten die eine - leere - Form: der Mensch.

Claudia Klinger