Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.
``Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?'' - so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. `Wir haben das Glück erfunden'' - sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben den Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme. Krankwerden und Mißtrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert! Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt dass die Unterhaltung nicht angreife. Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich. Kein Hirt und EINE Herde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus. ``Ehemals war alle Welt irre'' - sagen die Feinsten und blinzeln. Man ist klug und weiß Alles, was geschehen ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald - sonst verdirbt es den Magen. Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit. `Wir haben das Glück erfunden'' - sagen die letzten Menschen und `blinzeln.

(aus: "Also sprach Zarathustra")

Für Euch gelesen:
D.R. White, U.G.Hellerich:

Nietzsche in der Mall

Auf den Spuren von Friedrich Nietzsche im WorldWideWeb findet sich im Rahmen des Magazins Ctheorie der Artikel "Nietzsche at the Mall - Deconstructing the Consumer, der die Frage stellt, was das Denken Nietzsches für unsere heutige Situation - das Dasein im Shopping-Center - bedeutet. So beschreiben White und Hellerich die aktuelle Lage des Individuums: als Leben in der Mall, in der Einkaufsmeile, einem weltliches Paradies, wo für geringe Eintrittspreise jedermann selig werden kann.

Das Selbst ist seit Descartes das rationale Ich , das als modernes Subjekt des Wissens mittels Wissenschaft und Technik sein Heil sucht, eine Suche, in deren Verlauf sich das Ich vom Pilger und Wissenschaftler in den Konsumenten verwandelt hat, der durch das Erwerben von Waren seine Träume realisiert ("Ich konsumiere, also bin ich"). Freiheit des Willens bedeutet dann - so wollen es zumindest die Werber glauben machen - das zwanglose Wählen zwischen verschiedenen Waren, während wir durch die hell erleuchteten Hallen der Shopping-Center streunen. Kann man in dieser Situation noch von einem Subjekt im alten Sinne sprechen? Dies ist nicht nur eine akademische Frage, denn der allgemeine Identitätsverlust und die steigende Zahl der Neurosen werden in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften immer bedrängender.

Was ist also der Mensch - heute? Nietzsches Begriff des Selbst, den die Autoren auf der Suche nach einer Antwort untersuchen, ist widersprüchlich: zum einen heißt es im Abschnitt 488 des Willens zur Macht: "Subjekt, von uns aus interpretiert, so daß das Ich als Substanz gilt, als Ursache allen Tuns, als Täter", aber gleich in Abschnitt 490 steht dem entgegen: "Die Annahme des Einen Subjekts ist vielleicht nicht notwendig; vielleicht ist es ebensogut erlaubt, eine Vielheit von Subjekten anzunehmen, deren Zusammenspiel und Kampf unserem Denken und überhaupt unserem Bewußtsein zugrunde liegt...Meine Hypothese: das Subjekt als Vielheit.",
White und Hellerich fragen, ob es - im Rahmen der Shopping- Mall, der Kirche des Konsumenten - heute überhaupt noch eine Alternative zum Ich als Vielfalt gibt. Wie soll, locker gesprochen, ein einheitliches Ich bestehen, wenn von Seiten der Medien ständig widersprüchliche Forderungen auf uns niederprasseln, z.B. nach schrankenlosem Genießen - Essen, Trinken, Rauchen - und gleichzeitig nach Selbstbeschränkung und Disziplin - Diät und Körperarbeit?

Daß das moderne Subjekt gestorben ist, läßt sich nicht leugnen, stellen die Autoren fest und beziehen sich dabei auf die postmoderne und neostrukturalistische Theorie, auf die Einsichten Derridas, Heideggers und Foucaults. Es hat sich herausgestellt, daß dieses Ich keine feste Substanz hat, sondern nur innerhalb von Denktraditionen, also von Sprachspielen exisitiert. Die historische Struktur, die dieses spezielle Sprachspiel und damit das traditionelle Ich ermöglicht hat, ist dabei, zu verschwinden, das abendländische Selbst zerbröckelt. Was aber bedeutet diese Dekonstruktion? Verlieren wir einfach unser Ich, von dem aus wir glaubten, unsere Meinungen und Haltungen zur Welt zu entwickeln und werden zum bloßen Resonanzboden der Objekte, der schönen bunten Warenwelt? Oder könnte dieses "Verschwinden des Subjekts" eine Befreiung darstellen und uns auffordern, nun in dieses Nichts hinein ein neues Subjekt zu entwerfen? Sich also immer neu selbst erfinden ("Kultur machen") und das Leben als Spiel der Welt von diesem selbst geschaffenen Standpunkt aus möglichst kreativ spielen?

Der Weg hinauf und hinab

Diese zwei Möglichkeiten, die beide bei Nietzsche angelegt sind, kann man beschreiben als den "Weg hinauf und hinab". Auf der einen Seite zertrümmert Nietzsche alles, woran wir zu glauben gewohnt waren: "Es existiert weder 'Geist' noch Vernunft, weder Denken, noch Bewußtsein, weder Seele noch Wille, noch Wahrheit: alle sind nutzlose Fiktionen". Auf der anderen Seite heißt es in 'Also sprach Zarathustra': "Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, und das lehre ich die Menschen: nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge stecken, sondern ihn frei tragen, einen Erdenkopf, welcher eine Bedeutung für die Erde schafft. Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: den Weg, den der Mensch blind ging zu wollen und ihn zu festigen und nicht mehr wegschleichen von ihm wie die Kranken und Dekadenten".,

Um beide Möglichkeiten - hinauf und hinab - offen zu halten (und vielleicht sogar eine Alternative zur Shopping-Mall vorzustellen, ohne die Mall zu zerstören) müssen wir verstehen, wie Nietzsche zu seinem Großangriff auf alles, was uns heilig ist, gekommen ist: Der Angriff gilt der christlichen Kultur als einem System, das die herrschende Tradition Europas ausmacht. Er bekämpft die 'geschlossene Gesinnung', die aus der Privilegierung der christlichen Geschichte über alle anderen möglichen Geschichten entsteht, er geht gegen die christliche "Meistererzählung", die das offene Spiel der Bedeutungen, die radikale Versuchung der Kultur als Spiel verhindert.

Was meint das? Der Punkt ist, daß - seit den Evangelien - die "Frommen" ihre Idee des Guten zu einer Realität verabsolutiert haben: ihren Gott, in welchen sie die eigenen Urteile projizieren, die dann mittels göttlicher Autorität anderen aufgezwungen werden können. Ab jetzt gibt es die (christliche) Gemeinde der Guten und Gerechten, die die Wahrheit für sich gepachtet hat, und auf der anderen Seite den Rest der Welt, der missioniert und kolonialisiert wird (oder, wenn dies mißlingt, auch vernichtet). Die göttlich legitimierte Opposition richtet sich unversöhnlich gegen andere Völker, die Natur, die Frau, den Teufel, das Böse, die Irakis.

Das Subjekt, das christliche Ego, das so entstanden ist, ist gespalten: in das göttliche Gute, internalisiert als Überich oder Gewissen und das Innenleben, das aus dem Konflikt zwischen diesem Überich und dem ganzen Rest erwächst: "Alle Instinkte, welche sich nicht nach außen entladen, wenden sich nach innen - dies ist das, was ich die Verinnerlichung des Menschen nenne: damit wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine "Seele" nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn, wie zwischen zwei Häute eingespannt, ist in dem Maß - auseinander und aufgegangen, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung des Menschen nach außen gehemmt worden ist." Hier schlägt Nietzsche also ein Ausleben der Instinkte vor, indem er das innere Leben der Seele verwirft. Hellerich und White bemerken an dieser Stelle zu Recht, daß dieser Gedanke der Erläuterung bedarf, denn er könnte sonst als Rechtfertigung des Imperialismus der Instinkte mißinterpretiert werden. Wie könnte man ihn als Weg ins freie Spiel der Kreativität, ins Kultur-machen verstehen?

Lernen - Transformation des Konsumenten-Selbst

Diesen "Weg hinauf" versuchen die Autoren herauszuarbeiten, indem sie Nietzsches Sicht des Lernens mit der Theorie des Lernens von Gregory Bateson vergleichen und ähnlichkeiten feststellen. Zunächst Nietzsche: "Das Lernen verwandelt uns, es tut das, was alle Ernährung tut, die auch nicht bloß 'erhält', wie der Physiologe weiß. Aber im Grunde von uns, ganz 'da unten' gibt es freilich etwas Unbelehrbares, einen Granit von geistigem Fatum....Bei jedem kardinalen Problem redet ein unwandelbares 'das bin ich': über Mann und Weib zum Beispiel kann ein Denker nicht umlernen, sondern nur auslernen - nur zu Ende denken, was darüber bei ihm 'feststeht'. Man findet bei Zeiten gewisse Lösungen von Problemen, die gerade 'uns' starken Glauben machen: vielleicht nennt man sie fürderhin überzeugungen. Spätzer sieht man in ihnen nur Fußstapfen zur Selbsterkenntnis, Wegweiser zum Probleme, das wir sind - richtiger, zur großen Dummheit, die wir sind, zu unserem geitigen Fatum, zum Unbelehrbaren ganz 'da unten'.,

Nietzsches Ausgangspunkt ist also Lernen als Verwandeln: die menschliche Identität ist nicht statisch, Wissen nicht sicher, beide verändern sich. Allerdings ist die Selbstveränderung durch Lernen begrenzt durch frühe Antworten auf Fragen, die eine Tiefenschicht aus überzeugungen (Charaktereigenschaften) bilden, zu der wir "ich" sagen. Ist diese 'granitene Schicht geistigen Schicksals" änderbar? Denn nur, wenn sie änderbar ist, kann das von Nietzsche geforderte "Kultur-machen als Spiel" funktionieren. Auch für Gregory Bateson ist das Selbst konstruiert, eine erworbene Struktur. In seiner Theorie des Lernens unterscheidet er drei Arten des Lernens, die zusammengenommen die Möglichkeiten der Selbstveränderung beschreiben: Lernen I ist das bloße Lernen durch Wiederholung, die Bildung einfacher Gewohnheiten. Sie entspricht dem Pavlowschen und Skinnerschen Konditionieren. Lernen II bedeutet, zu lernen, wie man lernt. Interessanterweise sei das Selbst auf dieser Ebene codiert, bemerken Hellerich und White, die hier - an einer, wie ich meine doch entscheidenden Stelle - nicht weiter in Batesons Modell eindringen.

Wie könnten wir uns diese Selbst-schaffende Codierung vorstellen, die so hart programmiert ist, daß sie all unser Denken und Handeln bestimmt? Wenn ich sehe, wie ich etwas lerne, wie ein verändertes Verhalten zustande kommt, dann denke ich ganz automatisch: AHA! SO BIN ICH! So funktioniere ich - und jede neue derartige Erkenntnis wird mein Bild von mir selbst festigen, den Code härter eingravieren, aus dem das Ich sich macht. Läßt sich daran etwas ändern? Nietzsche steht diesem fest-codierten Ich kritisch gegenüber und Batesons Konzept Lernen III bietet einen Ansatz, um aus der Falle wieder herauszukommen und doch eine Selbsttransformation zu ermöglichen: Ein Wechsel in den Prämissen von Lernen II. Was heißt das? Ich muß den Kontext erkennen, in dem Lernen II stattfindet, also die ganze Situation als eine gewachsene und geschaffene wahrnehmen, die ebensowenig absolut und fest ist, wie alles andere. Es bedeutet, noch einen Schritt zurückzutreten, vom dem, was geschieht, und so die Begrenzungen (die Fesseln des offenen Spiels der Kreativität) als veränderbare Regeln in einem Spiel zu sehen.

Philosophen und Autoren, die solche komplexen Untersuchungen anstellen, finden sich selten dazu bereit, Beispiele anzuführen. Als Leserin bleibt mir nichts anderes übrig, als versuchsweise auszumalen, was eine bestimmte Sicht für das tägliche Leben bedeutet, denn dort ist ja der Ort, an dem die allerschönsten Gedanken ihre Stimmigkeit unter Beweis stellen müssen.

Nehmen wir also probehalber eine Arbeitsplatzsituation: K. will befördert werden und arbeitet weit mehr, als er müßte. Er ist schon öfter gelobt worden für sein besonderes Engagement und hat nicht nur festgestellt, daß auf erhöhten Arbeitseinsatz eine positive Reaktion folgt (Lernen I) sondern auch, daß er ein fleißiger Mensch ist (Lernen II), der deshalb eine Beförderung wirklich verdient. K. arbeitet mehr und mehr - aber eine Beförderung erfolgt nicht (die Gründe sind für das Beispiel unwichtig). Was bleibt ihm außer der dauerhaften Verzweiflung, dem Sich-krank-arbeiten im Laufrad der Geschäftigkeit? Er könnte die ganze Situation betrachten, einschließlich seiner eigenen Haltung, dieses "ich bin fleißig und will befördert werden!". Dann könnte er auch diese eigene Haltung als Schachfigur in einem Spiel erkennen (Lernen III) und auf Nietzsche hören, der uns immer wieder sagt: "Vergeßt nicht, es ist ein Spiel, fangt nicht an, den König zu verehren", ,bewege nur deine Schachfigur oder schnitze eine neue oder eröffne ein neues Spiel!

Jenseits der Herr-Knecht-Dialektik

Wer ist nun derjenige, der hier die Dinge als Spiel betrachten soll? Nietzsches und Batesons Weg beinhaltet ein Verständnis von Identität, die erst geformt werden muß, geformt auf der Basis von Werten, welche nacheinander durch den "Willen zur Macht" selbst gestaltet werden müssen: "Diese aktive Dimension des Selbst, Widerpart des passiven Erwerbens des Sklavens, ist das Befehlen des Meisters",. Hier steigen feministische und postmoderne Theoretiker gern aus, da dieses offene Bekenntnis zur Machtausübung allein im Rahmen eines Herr/Knecht-Verhältnisses verstanden wird. White und Hellerich wenden sich gegen ein solches (Miß-)verständnis und führen an, daß es möglich ist, eine Idee der Meisterschaft zu entwickeln, die jenseits der Herr - Knecht - Dialektik steht: etwa analog der ZEN-Meisterschaft und Disziplin.

So verstanden bedeutet "herrschen" und "meistern" nicht, von oben aufgezwungene Regeln zu beherzigen, oder das Behaupten von Macht über, sondern ein "Sich-frei-machen und Durchbrechen der Regeln" hinauf zu einer Sichtweise, wo Strukturen, einschlicßlich des eigenen Selbst, fabriziert, hergestellt bzw. erfunden werden. (im Beispiel: wer es schafft, sich vom Zwang des eigenen "befördert werden wollen" zu befreien, ist in diesem Sinne Meister - was sicher keine schmerzlose Angelegenheit ist!).

Der Wille zum Schein

Meisterschaft als Wille zur Macht im Sinne eines Sich-Selbst-Erfindens ist deutlich zu unterscheiden von den vielerlei Masken der alltäglichen Identität, dem "Willen zum Schein". Nicht das passive Fallenlassen in die 1000 Gestalten und Rollen, die uns von der Werbung nahegelegt werden, nicht das Verstecken hinter beliebig wechselnden Images, hinter denen wir uns sicherer fühlen (morgens der dynamische Manager, wochenends der Marlboro-Mann, abends der Italic-Lover....) ist mit Meisterschaft gemeint, sondern ganz das Gegenteil: "Diese Identität verlangt nicht die Kaufbereitschaft des Konsumenten-Sklaven, sondern das intellektuale Gewissen, Tapferkeit und die Grausamkeit der Selbstprüfung und Neubewertung". ,Die vorfabrizierten Identitäten aufgeben und eine eigene zu machen, heißt, das gefährliche Spiel spielen, "verrückt" zu werden, denn damit fordern wir alle Kräfte heraus, die um uns herum die Realität codieren. Dazu gehören auch die therapeutischen Disziplinen (Psychologie und Sozialwissenschaften) die Hellerich und White als im Sinne Nietzsches "sklavische Wissenschaften" bezeichnen, denn sie regulieren und bestärken die Normen der Identität für die Bedürfnisse der bürokratischen Strukturen moderner Staaten und Institutionen.

Die Konsum-Logik der Shopping-Mall ist es, die uns zu postmodernen Konsumenten Sklaven macht, wie die Autoren in einem kurzen Ausflug in die Gesellschaftstheorie ausführen. Aber weder kann sich der Konsument durch mehr Konsum befreien, noch dadurch, daß er zum Produzenten, zum Kapitalisten wird. Wie schon Marx vorhersah, sind beide Seiten gefangen im traditionellen Spiel der Macht als 'Macht über andere' im Herr-Knecht-Verhältnis. Das von Nietzsche und von einigen postmodernen Denkern vorgeschlagene Spiel will gemeinsam aus dieser Situation herauskommen - ohne Revolution, ohne Zerstörung der Mall.

Marcuse hatte in seiner Kritik des Spätkapitalismus die Analysen von Marx, der mit Begriffen wie Ausbeutung, Entfremdung, Unterdrückung, Profit operiert hatte, dahingehend erweitert, daß er die Erkenntnisse Freuds heranzog: Das besondere an der Entwicklung der Industriegesellschaften seit dem Krieg sei die Tatsache, daß der Kapitalismus, der ursprünglich Opfer, harte Arbeit und weitgehenden Triebverzicht verlangte (protestantische Ethik: lebe, um zu arbeiten!) nun - um die vielen Produkte auch abzusetzen - gleichzeitig das Vergnügen, das Sich-selbst-verwöhnen fordern muß. Hier zeigt sich eine Widersprüchlichkeit, ja, eine Ironie, die in sich Chancen zur Veränderung, zur Kreativität enthält. Denn die Schutzheiligen des Konsumentenparadieses haben letztlich keine Kontrolle darüber, was es jeweils sein wird, das uns Vergnügen macht. Wir könnten ja Vergnügen daran finden, unsere Realität und unsere Identität selbst zu entwerfen!

White und Hellerich wollen keine Revolution, keinen gewalttätigen Angriff auf die Mall - das sind veraltete Konzepte, die sich schon 1000 mal als kontraproduktiv erwiesen haben. Sie hoffen auf ein "Splittern der Kontrollmechanismen und die Eröffnung von kreativen Wahlmöglichkeiten für Politik und Kultur". Die postmoderne Ungläubigkeit gegenüber allen Meistererzählungen - Fortschritt, Aufklärung, Erlösung - soll sich auch auf die noch herrschende Erzählung vom Glück durch Konsum (Konsumismus) ausdehnen. Und dafür gibt es gute Chanchen, denn seit es ökonomisch und ökologisch bröckelt im Gebälk, sind immer mehr von uns bereit, zuzugeben, "daß es ärger gibt im Konsumentenparadies".

© CKlinger

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