
| Internet-Literatur?
Warum nicht mal von den engeren Kriterien des Literaturbetriebs abschweifen und in 'naher Ferne' nach Inspiration zu suchen: Ein
Blick über die Grenzen des Literaturbegriffs hinaus zur Kunst, zum
Können uns diese Kriterien nützen?
Täglich wird mein individuelles Erstaunen größer über das allgemeine
Erstaunen, das ehrfurchtsvolle Verharren, die vorweihnachtlich
leuchtenden Glubschaugen, das Schwenken wortreicher Weihrauchfässer
angesichts eines Mediums, das lediglich Inhalte transportiert. Schön und
gut: Die formale Aufbereitung der Internet-Literatur bietet scheinbar
neue Möglichkeiten. Jedoch in der Tat nur scheinbar. Verknüpfungen von
Bildern, Worten, Tvnen, Farben können wir schon seit Jahrzehnten
erleben. Einige der neuen Internet-Literaten sind gar in dieser
Erlebniswelt aufgewachsen. Also laßt uns doch das weiter vorantreiben,
was uns wirklich einen Umbruch bringen kann und wird: Die
Popularisierung des ehemals Elitären.
Künstlerische Texte (ich bevorzuge hier den Begriff "Arbeiten") bleiben
nicht länger der überalphabetisierten Upper Class, die eine
Rechtschreibreform bejubelt, welche unsere Sprache zu korsettieren
versucht, vorbehalten, sondern mutieren endlich zum Gebrauchsartikel.
Sie kehren zu ihren Wurzeln zurück. Zu jenen Zeiten, in denen
Geschicht(en)schreibung nichts anderes war als mündliches Tradieren.
Was stört es da, wenn der Rezipient von Zeit zu Zeit über pubertäre
Rundumschläge stolpert, wenn jede verlorene Erstliebe ausgiebig auf der
Homepage beweint wird oder standesbewußte Professoren ihre Samenergüsse
als literarische Ejakulation verkaufen? Immer mal wieder ist eine Perle
darunter (Ausgenommen die professoralen Tröpfchen).
Finden wir uns also mit den Gegebenheiten ab und nutzen das Medium als
Werkzeug fürs Formale. Da helfen keine Mätzchen. Die Inhalte sind
bewertbar. Sie alleine zählen. Das ist schön. Die Mikrölektronik konnte
in der Tat nichts ändern.
Der Internet-Literaturpreis geht in die
zweite Runde!
Wie bereits 1996 werden IBM Deutschland und DIE ZEIT
wieder gemeinsam einen Internet-Literaturpreis ausschreiben -
und zwar in deutlich erweiterter Form als im vergangenen Jahr.
Das heißt, diesmal werden Darstellungsformen und - techniken
ungleich breiter definiert. Mit dabei wird diesmal aller
Vorssicht nach auch der Berliner Tagesspiegel sein. In den
nächsten Tagen gesellen sich voraussichtlich noch weitere
Förderer des Projekts dazu. Die definitive Ausschreibung folgt
Ende März / Anfang April 1997.
Auszug aus
Grüße |
Die Diskussion:
Das Web eröffnet dem Künstler zwar neue Möglichkeiten, er kann sich multimedial ausdrücken,
Sprache,Text, Bilder, Zeichnungen sozusagen zu einem Gesamtkunstwerk zusammenfügen. Er kann auch
ein sofortiges Feedback zu seinem Werk haben, er kann auf Kritiken eingehen , seine Sicht der Dinge
darstellen, Erklärungen abgeben. Er kann sein Werk oder Projekt in Beziehung zu schon bestehenden
stellen und vernetzen. Mehrere Künstler konnen am gleichen Projekt arbeiten, wobei einer die Texte,
der andere die Bilder liefert. Trotzdem bleiben die einzelnen Komponenten immer
persönlichkeitsbezogen : Literatur ensteht im Kopf und nicht im Netz, mein Computer ist ein
Arbeitsgerät wie die Schreibmaschine, das Netz bleibt ein Medium wie das Buch um die Literatur zu
verbreiten Es ist natürlich nicht ausgeschlossen , daß Verhaltensweisen oder Sichten, die man
durch intensive Beschäftigung mit dem Medium Internet erwirbt, auf die Art zu Denken und zu
Schreiben abfärben und so die Literatur beeinflussen können. Literatur kann aber nie interaktiv
sein, oder sie hört auf Literatur zu sein und wird eine neue Kunstform, die man dann anders
bezeichnen müßte (Neteratur ?)
Hallo,
zwischen Kunst und Erleben - egal ob bildende Kunst oder Literatur -
steht immer der Künstler, die Form, die Kodierung und was auch immer. Kurz
es ist natürlich nicht ein (nach/mit-erleben des erlebten) aber etwas, was
nahe kommen kann, abhängig vom "Setting", der Umgebung dem Wissen, der
Bereitschaft.
Außerdem, und das ist auch nichts Neues: das "Beschreibende" der Literatur
kann eine immense Kraft (Fantasie) beim Leser auslösen, die Kodierung der
Literatur kann sehr spezifisch sein, kann trotzdem "breit" (von vielen)
entkodiert werden, ohne banal werden zu müssen. Da hat es die bildende
Kunst m.e. schwerer.
Und diese Leichtigkeit der Wahrnehmung sollte sich die Literatur
erhalten, wenn's denn geht. Powerbook ohne apfel...
Gruß
|
L E S E R B E I T R Ä G E
Schon vor einiger Zeit bin ich auf deinen kleinen Text
"Internet-Literatur???" gestossen und wollte - da er so nett (und in sich
immer wieder ) fragt, einige Überlegungen dazu beisteuern. Leider komme
ich erst heute dazu.
Die wiedergegebenen sieben Kriterien, jedenfalls gleich das erste, Webness,
legen schon nahe, das hier eine Kunstform gemeint ist, die wir bisher nicht
kennen: eben die Webkunst. Dafuer wird es auch Zeit. Zwischen all die
Werbung, die Datenbank-Infos und Haustierfotos gehört Kunst. Die Kriterien
Community Forming, Virtual Id/Entity und User Input and Feedback, zeigen,
dass dies keine klassische Einpersonenkunst mehr sein kann, nichts aus dem
Elfenbeinturm, sondern Strassenkunst (Datenautobahn). Ein wirklich
brauchbarer Ansatz. Bloss Technisches, wie Manageable Complexity, kann man
ja weglassen - oder Artistic Merit, das unbegreifliche. OK. Was hat das
alles mit Literatur zu tun? Ein Freund zerschneidet Buecher, höhlt sie
aus, setzt sie neu zusammen, giesst Farbe drueber und ab und zu klebt er
buchfremdes dazu, das er irgendwo gefunden hat. Macht er seit zwanzig
Jahren - eine neue Literatur? - wenigstens da, wo er noch etwas
draufschreibt?
Allerdings teile ich deine Zweifel an der Existenz einer besonderen
Webliteratur. Aus geradezu umgekehrten Gruenden. Ich kann nämlich nicht so
richtig zwischen gelesenem und vorgelesenem Text unterscheiden. Text kann
mehr transportieren als Worte, klar, er kann auch selbst Bild sein. Aber
das eigentlich literarische (Kreation/Produktion) scheint mir doch im Kopf
zu passieren, das Wort, den Satz zu benutzen, nicht aber dessen
Niederschrift. Eine erzählte Geschichte ist auch eine. Ein Gedicht gar
(jedenfalls solche, die ich mag) wirkt ueberhaupt nur im Klang. Solange wir
das WWW als neue, erweiterte Präsentationsform fuer Texte begreifen,
kommen wir zu keinem eigenständigen Begriff von Webliteratur. Andersherum
vielleicht schon: wenn nicht die Darstellung, sondern das Forum, nicht das
Medium, sondern seine Benutzer die Literaturarbeit (solche ist es ja
meistens, wo wir webgemässe Literaturseiten finden) prägen. Etwas neues
kann immer da entstehen wo Menschen sich begegnen. Nun trifft sich, wer
sich sonst nie getroffen hätte: das muss etwas bewegen. Das trifft
Diskurs, Aktualität und Beschränkung. Und die neuen Kunstformen? Ja -
aber eben nicht Literatur.
Nun aber zum Wörtchen "Distanz." Das habe ich, scheint mir, nicht ganz
verstanden. Tanze ich, dann ist die Distanz bei Null, sehe ich einem Tanz
zu, ist das schon anders. Die Distanz scheint mir um so grösser, je
weniger ich selbst zur Gestaltung des Rezeptionserlebnisses beitragen muss.
Eine Oper lässt mich manchmal stundenlang keinen eigenen Gedanken fassen,
ein Roman, der die Welt (des Autors) wirklich ganz unzureichend abbildet,
fordert einiges an imaginativer Eigenleistung mir ab. Das Beispiel mit dem
Lauf ueber die Wiese: mag ja mein Anliegen sein, es den Rezipienten
miterleben zu lassen. Doch: je näher ich meinem Ziel komme (der
nachvollziehbaren Vermittlung meiner Empfindungen), desto mehr treibe ich
Kunsthandwerk, Gebrauchsliteratur. Ich will ja (jetzt als Leser) nicht
mitgenommen sein auf die Wiese, sondern ueber meine eigene Wiese laufen.
Die Sätze bringen gar nicht die Bilder des Erzählers zu mir, sondern
wecken meine eigenen. Andernfalls zöge ich Fotos, Landkarten, ein paar
Trockenblumen, eine Geruchsprobe und mehrere unabhängige Textzeugnisse
vor.
Ich lese also ganz normal, Literatur im WWW wie anderswo. Und freue mich
ueber das Comeback des Verses: Kurz, schnell lesbar und, wie beim Sprechen,
durch die Webpräsentation mit Ueberraschungseffekten verstärkbar fuehlt
er sich auf einer Webpage zu Hause. Auf die Webart bin ich gespannt, mit
der Webliteratur jetzt schon zufrieden.
Somit erst einmal: ciao. Und dass das, was ich jetzt gesagt habe (oder
geschrieben oder gemailt), nicht jedes Sicht ist der Wörter Dinge
traten ja kaum auf ist auch gewöhnlich.
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