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Internet-Literatur?

Warum nicht mal von den engeren Kriterien des Literaturbetriebs abschweifen und in 'naher Ferne' nach Inspiration zu suchen: Ein Blick über die Grenzen des Literaturbegriffs hinaus zur Kunst, zum Prix Ars Elektronica, Neben Animation, Musik u.a. gibt es da die Sparte "WWW-Seiten", 112 Personen reichten in diesem Jahr Beiträge ein. Es handelt sich hier ganz allgemein um „die Kunst, die sich in WWW-Seiten ausdrückt", so wie es die Kunst gibt, in öl zu malen oder sich filmisch auszudrücken. Im Gegensatz zum ZEIT-Wettbewerb hat die Jury Ihre Kriterien zur Beurteilung von Webseiten vorher bekannt gegeben , aber ich zitiere hier mal, damit Ihr nicht soviel surfen müßt:

  1. Webness (Kann diese Anwendung/Site nur im W3 entstehen, existieren und weitergeformt werden?)
  2. Community Forming (Entsteht eine neue Form von Community?)
  3. Virtual Id/Entity (Entsteht über die Gemeinschaft vieler eine eigene Identität?),
  4. User Input und Feedback
  5. Artistic Merit (Wie und wofür würde ein Künstler die Möglichkeiten des W3 nutzen?)
  6. Links (Wie ist der Site mit anderen vernetzt?)
  7. Manageable Complexity (Wie kompliziert sind Aufbau und Bedienung?), u.a.

Können uns diese Kriterien nützen?
Ich denke ja, wir müßten „nur" noch die den allgemeinen Begriff „Kunst" konkretisieren zu „Literatur" - und dabei ist meine Forderung, es müßten Buchstaben verwendet werden, vielleicht garnicht mehr so humorig, wie sie ursprünglich gemeint war.

Mittlerweile beginne ich, wenn ich all das bedenke, daran zu zweifeln, ob es Web-Literatur geben kann (im Unterschied zu Literatur im Web als Vertriebsschiene) und zwar, weil mir scheint, der gemeinte Unterschied zwischen dem Allgemeinbegriff Kunst (worunter auch die Kunst, einen Text zu verfassen, eine Geschichte zu schreiben etc. fällt) und dem Spezifischen, was Literatur meint, ist der, daß durch Buchstaben, Wort, Text eine typische Distanz zwischen Leser und Gelesenem besteht.

Was ist das für eine Art Distanz? Wenn ich in einem Text erzähle, wie es war, in der Morgendämmerung über eine Wiese zu laufen, so ist das etwas anderes, als wenn ich Dich mitnehme, um es Dich erleben zu lassen. Dieses Erleben könnte ich nun - wäre ich Künstlerin - zum Kunsterlebnis gestalten, etwa mit den Mitteln der LandArt, der Performance o.ä.

Im Text wird die Darstellung zur Kunst (wobei das Dargestellte natürlich auch vollständig Fiktion sein kann). In der Kunst wird das Erleben selbst gestaltet. Was bedeutet das für unsere Frage: Das Internet ist ein Teil der Welt, wir stehen darin in einer neuen Art des Erlebens, unmittelbar, unvermittelt.

Wenn "Internet-Literatur" dieses Erleben (z.B. im Sinn obiger Kriterien) einbeziehen will (und anders wäre sie keine Internet- oder Web-Literatur), so verliert sie gleichzeitig die der Literatur eigentümliche Distanz zwischen Werk und Betrachter/Leser, die ein Werk erst Literatur sein läßt. Oder was meint Ihr?



L E S E R B E I T R Ä G E

6.4.

Täglich wird mein individuelles Erstaunen größer über das allgemeine Erstaunen, das ehrfurchtsvolle Verharren, die vorweihnachtlich leuchtenden Glubschaugen, das Schwenken wortreicher Weihrauchfässer angesichts eines Mediums, das lediglich Inhalte transportiert. Schön und gut: Die formale Aufbereitung der Internet-Literatur bietet scheinbar neue Möglichkeiten. Jedoch in der Tat nur scheinbar. Verknüpfungen von Bildern, Worten, Tvnen, Farben können wir schon seit Jahrzehnten erleben. Einige der neuen Internet-Literaten sind gar in dieser Erlebniswelt aufgewachsen. Also laßt uns doch das weiter vorantreiben, was uns wirklich einen Umbruch bringen kann und wird: Die Popularisierung des ehemals Elitären.

Künstlerische Texte (ich bevorzuge hier den Begriff "Arbeiten") bleiben nicht länger der überalphabetisierten Upper Class, die eine Rechtschreibreform bejubelt, welche unsere Sprache zu korsettieren versucht, vorbehalten, sondern mutieren endlich zum Gebrauchsartikel. Sie kehren zu ihren Wurzeln zurück. Zu jenen Zeiten, in denen Geschicht(en)schreibung nichts anderes war als mündliches Tradieren.

Was stört es da, wenn der Rezipient von Zeit zu Zeit über pubertäre Rundumschläge stolpert, wenn jede verlorene Erstliebe ausgiebig auf der Homepage beweint wird oder standesbewußte Professoren ihre Samenergüsse als literarische Ejakulation verkaufen? Immer mal wieder ist eine Perle darunter (Ausgenommen die professoralen Tröpfchen).

Finden wir uns also mit den Gegebenheiten ab und nutzen das Medium als Werkzeug fürs Formale. Da helfen keine Mätzchen. Die Inhalte sind bewertbar. Sie alleine zählen. Das ist schön. Die Mikrölektronik konnte in der Tat nichts ändern.

Gerhard Kerner



Der Internet-Literaturpreis geht in die zweite Runde!

Wie bereits 1996 werden IBM Deutschland und DIE ZEIT wieder gemeinsam einen Internet-Literaturpreis ausschreiben - und zwar in deutlich erweiterter Form als im vergangenen Jahr. Das heißt, diesmal werden Darstellungsformen und - techniken ungleich breiter definiert. Mit dabei wird diesmal aller Vorssicht nach auch der Berliner Tagesspiegel sein. In den nächsten Tagen gesellen sich voraussichtlich noch weitere Förderer des Projekts dazu. Die definitive Ausschreibung folgt Ende März / Anfang April 1997.

Auszug aus der ZEIT

Grüße Sven Stillich





Die Diskussion:


Burkhard Schröders Thesen zur Internet- Literatur: "Wir sollten uns nicht auf die Form konzentrieren, weil uns zum Inhalt nichts einfällt!"


Jürgen Kinschers Antwort "Der Schritt vom Buch zu einem interaktiven Medium (Internet) ist schon etwas anderes als der Wechsel der Schreibunterlage!"


Sven Stillich (Sonderpreis im ZEIT- Lieratur- Wettbewerb) schreibt
Über das Gemeinsame von Literaur und Pornographie: "So wenig jemand so richtig weiß, was man bei einem virtuellen Orgasmus fühlt, so wenig kann man sich so richtig vorstellen, was Internet-Literatur eigentlich sein soll."


Ulf Reips Thesen sind mit Vorsicht zu genießen: "1. Wer Internet-Autos machen will, muß auch Autos machen können!"


Martina Kieninger (1.Preis im ZEIT-Wettbewerb) verarbeitet die Diskussion literarisch in Flammenwerfers Netzgeschuettel


Das Literaturmagazin Der brennende Busch schreibt: "Form regiert im Netz, nicht Inhalt. Zu viele Anbieter stürzen in die Techno-Falle, spielen mit Java und allerlei Firlefanz, ohne daß das irgendwas am Inhalt ändert, nur unsere Wartezeiten werden länger und länger."



... Aktuelles kann diskutiert werden in der Mailingliste "Internet-Literatur" von Sven Stillich. Eine Mail an Sven mit dem Wort "mail" genügt. Wie das mit den Mailinglisten funktioniert, lest Ihr im Mail-Surfer.



Die Sieger-Beiträge und alle anderen 170 Einsendungen zum ZEIT-Literaturwettbewerb geben ein Bild davon, wie verschieden "Internet-Literatur" verstanden werden kann.





L E S E R B E I T R Ä G E


Date: Fri, 27 Dec 1996

Das Web eröffnet dem Künstler zwar neue Möglichkeiten, er kann sich multimedial ausdrücken, Sprache,Text, Bilder, Zeichnungen sozusagen zu einem Gesamtkunstwerk zusammenfügen. Er kann auch ein sofortiges Feedback zu seinem Werk haben, er kann auf Kritiken eingehen , seine Sicht der Dinge darstellen, Erklärungen abgeben. Er kann sein Werk oder Projekt in Beziehung zu schon bestehenden stellen und vernetzen. Mehrere Künstler konnen am gleichen Projekt arbeiten, wobei einer die Texte, der andere die Bilder liefert. Trotzdem bleiben die einzelnen Komponenten immer persönlichkeitsbezogen : Literatur ensteht im Kopf und nicht im Netz, mein Computer ist ein Arbeitsgerät wie die Schreibmaschine, das Netz bleibt ein Medium wie das Buch um die Literatur zu verbreiten Es ist natürlich nicht ausgeschlossen , daß Verhaltensweisen oder Sichten, die man durch intensive Beschäftigung mit dem Medium Internet erwirbt, auf die Art zu Denken und zu Schreiben abfärben und so die Literatur beeinflussen können. Literatur kann aber nie interaktiv sein, oder sie hört auf Literatur zu sein und wird eine neue Kunstform, die man dann anders bezeichnen müßte (Neteratur ?)

Artie Frisch- Homepage


Subject: missing link/Internet-Literatur?

Hallo,

zwischen Kunst und Erleben - egal ob bildende Kunst oder Literatur - steht immer der Künstler, die Form, die Kodierung und was auch immer. Kurz es ist natürlich nicht ein (nach/mit-erleben des erlebten) aber etwas, was nahe kommen kann, abhängig vom "Setting", der Umgebung dem Wissen, der Bereitschaft.
Eben dieses "Setting" macht mir im Netz Probleme, der zu vermittelnde Inhalt kommt zu mir auf den Schreibtisch über meinen "Oberflächenschreibtisch" in einem Display-Rahmen in einem Browser-Rahmen in einer begrenzten Typo- und Satzform. Und ich klebe davor fest und schaue in ein kleines schwerfälliges Fensterchen. Zwangshaltung. ich konnte schon in der Schule nicht lange still sitzen und da bewegte sich wenigstens der Lehrer... Kunst und Literatur braucht Raum, in der Wahrnehmung, im Kopf, aber auch in der Wahrnehmungssituation ("setting"). Und Ausdrucken gilt nicht. wird auch nicht viel besser dadurch...

Außerdem, und das ist auch nichts Neues: das "Beschreibende" der Literatur kann eine immense Kraft (Fantasie) beim Leser auslösen, die Kodierung der Literatur kann sehr spezifisch sein, kann trotzdem "breit" (von vielen) entkodiert werden, ohne banal werden zu müssen. Da hat es die bildende Kunst m.e. schwerer. Und diese Leichtigkeit der Wahrnehmung sollte sich die Literatur erhalten, wenn's denn geht. Powerbook ohne apfel...

Gruß N. Nowotsch

L E S E R B E I T R Ä G E


15.3. - Ahoi!

Schon vor einiger Zeit bin ich auf deinen kleinen Text "Internet-Literatur???" gestossen und wollte - da er so nett (und in sich immer wieder ) fragt, einige Überlegungen dazu beisteuern. Leider komme ich erst heute dazu.

Die wiedergegebenen sieben Kriterien, jedenfalls gleich das erste, Webness, legen schon nahe, das hier eine Kunstform gemeint ist, die wir bisher nicht kennen: eben die Webkunst. Dafuer wird es auch Zeit. Zwischen all die Werbung, die Datenbank-Infos und Haustierfotos gehört Kunst. Die Kriterien Community Forming, Virtual Id/Entity und User Input and Feedback, zeigen, dass dies keine klassische Einpersonenkunst mehr sein kann, nichts aus dem Elfenbeinturm, sondern Strassenkunst (Datenautobahn). Ein wirklich brauchbarer Ansatz. Bloss Technisches, wie Manageable Complexity, kann man ja weglassen - oder Artistic Merit, das unbegreifliche. OK. Was hat das alles mit Literatur zu tun? Ein Freund zerschneidet Buecher, höhlt sie aus, setzt sie neu zusammen, giesst Farbe drueber und ab und zu klebt er buchfremdes dazu, das er irgendwo gefunden hat. Macht er seit zwanzig Jahren - eine neue Literatur? - wenigstens da, wo er noch etwas draufschreibt?

Allerdings teile ich deine Zweifel an der Existenz einer besonderen Webliteratur. Aus geradezu umgekehrten Gruenden. Ich kann nämlich nicht so richtig zwischen gelesenem und vorgelesenem Text unterscheiden. Text kann mehr transportieren als Worte, klar, er kann auch selbst Bild sein. Aber das eigentlich literarische (Kreation/Produktion) scheint mir doch im Kopf zu passieren, das Wort, den Satz zu benutzen, nicht aber dessen Niederschrift. Eine erzählte Geschichte ist auch eine. Ein Gedicht gar (jedenfalls solche, die ich mag) wirkt ueberhaupt nur im Klang. Solange wir das WWW als neue, erweiterte Präsentationsform fuer Texte begreifen, kommen wir zu keinem eigenständigen Begriff von Webliteratur. Andersherum vielleicht schon: wenn nicht die Darstellung, sondern das Forum, nicht das Medium, sondern seine Benutzer die Literaturarbeit (solche ist es ja meistens, wo wir webgemässe Literaturseiten finden) prägen. Etwas neues kann immer da entstehen wo Menschen sich begegnen. Nun trifft sich, wer sich sonst nie getroffen hätte: das muss etwas bewegen. Das trifft Diskurs, Aktualität und Beschränkung. Und die neuen Kunstformen? Ja - aber eben nicht Literatur.

Nun aber zum Wörtchen "Distanz." Das habe ich, scheint mir, nicht ganz verstanden. Tanze ich, dann ist die Distanz bei Null, sehe ich einem Tanz zu, ist das schon anders. Die Distanz scheint mir um so grösser, je weniger ich selbst zur Gestaltung des Rezeptionserlebnisses beitragen muss. Eine Oper lässt mich manchmal stundenlang keinen eigenen Gedanken fassen, ein Roman, der die Welt (des Autors) wirklich ganz unzureichend abbildet, fordert einiges an imaginativer Eigenleistung mir ab. Das Beispiel mit dem Lauf ueber die Wiese: mag ja mein Anliegen sein, es den Rezipienten miterleben zu lassen. Doch: je näher ich meinem Ziel komme (der nachvollziehbaren Vermittlung meiner Empfindungen), desto mehr treibe ich Kunsthandwerk, Gebrauchsliteratur. Ich will ja (jetzt als Leser) nicht mitgenommen sein auf die Wiese, sondern ueber meine eigene Wiese laufen. Die Sätze bringen gar nicht die Bilder des Erzählers zu mir, sondern wecken meine eigenen. Andernfalls zöge ich Fotos, Landkarten, ein paar Trockenblumen, eine Geruchsprobe und mehrere unabhängige Textzeugnisse vor.

Ich lese also ganz normal, Literatur im WWW wie anderswo. Und freue mich ueber das Comeback des Verses: Kurz, schnell lesbar und, wie beim Sprechen, durch die Webpräsentation mit Ueberraschungseffekten verstärkbar fuehlt er sich auf einer Webpage zu Hause. Auf die Webart bin ich gespannt, mit der Webliteratur jetzt schon zufrieden.

Somit erst einmal: ciao. Und dass das, was ich jetzt gesagt habe (oder geschrieben oder gemailt), nicht jedes Sicht ist der Wörter  Dinge traten ja kaum auf  ist auch gewöhnlich.

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dirk schröder