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"Ein Hypertext muß verdammt gut sein!" |
Die meisten heutigen Homepages und WWW-Projekte sind viel zu egozentriert ... ... ein eigenartiges Gefühl, so eine Art "Angst, etwas zu verpassen ... Texteinheiten, die man völlig zusammenhang- los lesen und entsprechenden Unterhaltungs- oder Wissens- gewinn daraus ziehen kann Er rechnet zumindest nicht damit, auf die Leitseite eines Automobil- herstellers zu geraten Dieses Interview ist vermutlich schon viel zu lang, deshalb können wir nur hoffen, daß es besonders spannend ist solange, wie Menschen versuchen, andere Menschen zu verblöden und einzulullen, wird die Flut zusammen- hangloser Bilder wachsen Wer im Web erfolgreich sein will, muß sich selbst als Teil der "Web- Community" verstehen, das heißt, uneigen- nützig Information, Software, Know How und Kommunikations- bereitschaft zur Verfügung stellen |
Vom Verdichten und Vernetzen - von erfolglosen Web-Seiten - von der Community - vom Schenken - von der Zukunft des Buchs . . .
CK.:
Stefan, Du bist vielleicht der bekannteste HTML- Lehrer im deutschsprachigen Web. Viele - ich auch - verdanken Dir und Deinem Dokument Stefan Münz: Das "HT" in der Abkürzung "HTML" steht zwar für "Hypertext", aber deshalb ist noch lange nicht alles, was in HTML tagtäglich tausendfach fabriziert wird, Hyptertext. Hypertext ist erst da möglich, wo große Informationsmengen sind. Das ist im World Wide Web zweifellos der Fall. Aber um so etwas wie Hypertext zu realisieren, muß außerdem das Bewußtsein da sein, innerhalb eines solch riesigen "verweis-sensitiven" Informationsraums zu publizieren - das Bewußtsein, Teil davon zu sein. Die meisten heutigen Homepages und WWW-Projekte sind viel zu egozentriert, um so ein Bewußtsein zu schaffen. Das WWW von heute erscheint dem Neu-Anwender deshalb eher wie eine unsortierte Riesenliste mit Adressen von lauter Selbstdarstellern.
CK.:
Meine ersten konkreten Kontakte mit Hypertext - wenn man die Windows-Hilfe mal beiseite läßt - hatte ich im Rahmen des Internet-Literatur-Wettbewerbs der ZEIT, als ich mir die Beiträge verschiedener Teilnehmer ansah. Belletristische Texte, die mit einzelnen Links gespickt waren, die zu anderen Textteilen führten, die wieder mit Links versehen waren. Ich erinnere mich, daß ich dabei ein eigenartiges Gefühl hatte, so eine Art "Angst, etwas zu verpassen". Ist das typisch für Hypertextdokumente?
Ein sauber strukturierter Hypertext läßt beim Leser ("Anwender") gar nicht erst den Eindruck aufkommen, er habe es mit einem zusammenhängenden Text zu tun. Stattdessen besteht so ein Hypertext aus lauter einzelnen Partikeln, "Texteinheiten", die man völlig zusammenhanglos lesen und entsprechenden Unterhaltungs- oder Wissensgewinn daraus ziehen kann. Außerdem bietet er dem Anwender maximale Bequemlichkeit und Unterstützung beim "Weiterlesen" - der Anwender darf zur nächsten Texteinheit blättern, eine logische Ebene höher springen, zwei logische Ebenen höher springen, einen Index aufrufen, ein Volltextsuche starten, vielleicht sogar einen Zufalls-Sprung ausführen. Daneben sollte so eine Texteinheit natürlich auch assoziativ begründete Querverweise zu anderen Texteinheiten enthalten. CK.: Welche Elemente machen also den Hypertext aus? Was sind konkret die Unterschiede zur linearen Form?
Stefan Münz:
Ein Hypertext entsteht grundsätzlich aus der Spannung zwischen zwei Extremen: Fragmentierung und Isolierung einzelner Texteinheiten einerseits, Vernetzung und Verdichtung dieser Texteinheiten andererseits.
Das "Vernetzen und Verdichten" ist dabei noch die leichter zu lösende und eher technische Aufgabe. Da geht es um Fragen wie die, welche Navigationsmöglichkeiten dem Anwender ständig zur Verfügung stehen sollen, welche Art von Querverbindungen in ausführbare Querverweise umgesetzt werden sollen usw.
Schwieriger ist das "Fragmentieren und Isolieren".
CK.:
Sag doch mal ein Beispiel!
Stefan Münz:Dieses Interview hier ist aus meiner Sicht eine ganz brauchbare Texteinheit.
Es konzentriert sich auf ein bestimmtes Thema, und wer die URL-Adresse, an der dieses Interview
steht, direkt eintippt, kann es lesen, ohne zu wissen, was "Missing Link" ist. Das ist wichtig für so eine
Texteinheit. Dennoch findet der Anwender Navigationsmöglichkeiten vor, die zum Beispiel zur
Einstiegsseite von "Missing Link" führen. Angenommen, er hat die URL-Adresse direkt eingegeben,
das Interview gelesen und klickt nun auf den Verweis zur Einstiegsseite - in diesem Augenblick hat er
bestimmte Erwartungen. Er rechnet zumindest nicht damit, auf die Leitseite eines Automobilherstellers
zu geraten. Und er wird nur Vertrauen zu "Missing Link" bekommen, wenn seine Erwartungen nicht
enttäuscht werden. Oder er folgt einem der Verweise am Ende dieses Interviews, die zu anderen Web-Adressen
zum Thema Hypertext führen - auch da darf er nicht enttäuscht werden.
Hypertext besteht also aus hermetischen Zellen, die mit Hilfe von typisierten Verweisen
(weiter, Ebene höher, zum Anfang, wo ganz anders hin) Zusammenhang zu anderen Zellen herstellen.
Der Anwender entscheidet, welche dieser Zusammenhänge er "realisiert", d.h. welchen Verweisen
er folgt. Aber der Autor ist dafür verantwortlich, daß die angebotenen Verweise tatsächlich einen nach
vollziehbaren Zusammenhang herstellen.
CK.:
Meinst du, dass bestimmte Textsorten Hypertext-geeignet sind und andere nicht?
Sollte zum Beispiel ein Ezine wie Missing Link eher in kleinere Hypertext-Einheiten aufgeteilt sein und sich weniger an
der traditionellen Form der Artikel in den Printmedien orientieren?
Stefan Münz:
Es gibt Textsorten, die sich geradezu ideal zur "Verhypertextung" eignen - so
zum Beispiel Lexika. Andere Textsorten sollte man besser als das lassen, was
sie sind, nämlich zusammenhängende, vom linearen Textfluß lebende Texte -
so zum Beispiel einen Abenteuerroman. Viele Textsorten liegen irgendwo in der
Mitte dazwischen, so auch Artikel in Zeitschriften. Hierbei gilt: episch breite Artikel
wie eine SPIEGEL-Titelgeschichte liest niemand online. Nur was besonders spannend
und/oder kurz gehalten ist, kommt an. Dieses Interview ist vermutlich schon viel zu lang, deshalb
können wir nur hoffen, daß es besonders spannend ist.
CK.:
Oft liest man, dass Hypertext dem menschlichen Denken viel näher sei, als das gewohnte lineare lesen und schreiben. Meinst Du, dass deshalb mit zunehmender Verbreitung des Webs die Bücher verschwinden werden?
Stefan Münz:
Ein Hypertext muß verdammt gut sein, um dem menschlichen Denken wirklich näher zu sein als ein herkömmlicher Text. Mit unserem heutigen Wissen und unseren heutigen Techniken können wir schon froh sein, wenn es uns gelingt, Hypertexte zu gestalten, die den Leser nicht von der eigentlichen Aufgabe ablenken, nämlich der Informationsaufnahme oder der Auseinandersetzung mit den angebotenen Inhalten. Das menschliche Denken arbeitet tatsächlich viel stärker intuitiv und assoziativ, als man früher angenommen hat, und Hypertext kann diese Art zu denken sehr gut unterstützen. Aber solange die Bedienung eines Hypertextes mehr geistige Energie erfordert als das Umblättern einer Buchseite, bleiben Hypertext-Utopien wie die eines Vannevar Bush weiterhin ein Fernziel.
Bücher mit "linearen Texten" werden deshalb nicht verwschwinden. Es kann höchstens sein, daß solche Bücher in 100 Jahren nicht mehr aus Papier und Druckerschwärze bestehen, sondern aus Bits auf zusammenfaltbaren Taschenbildschirmen mit integrierter CPU.
CK.:
Wir reden hier die ganze Zeit von Texten - aber im Grunde geht die Tendenz doch immer mehr zu Bildern. Wenn es die Bandbreite des Netzes gestatten würde, wäre es doch schon fast so bunt und beweglich, wie das Fernsehen. Ist die Diskussion um die Anordnung von Texten da überhaupt noch relevant?
Stefan Münz:
Text (und sinnvolle Bebilderung von Text) wird es geben, solange es Menschen gibt, die denken, ihre Gedanken festhalten und weitergeben wollen. Und solange, wie Menschen versuchen, andere Menschen zu verblöden und einzulullen, wird die Flut zusammenhangloser Bilder wachsen - das gilt für alle grafikfähigen Medien, auch für das WWW. Aber das Web ist groß genug für alle, und im Gegensatz zu herkömmlichen, broadcasting-orientierten Massenmedien erlaubt es auch ein Publizieren ohne großes Budget. Deshalb wird es die Textproduktion eher ankurbeln als behindern.
CK.:
Ein ganz anderer Aspekt der Vernetzung durch Hypertexte, den ich persönlich sehr spannend finde, ist die Frage nach dem Eigentum. Aus der Offline-Welt kennen wir die scharfe Abgrenzung der einzelnen Instituitionen und Unternehmen gegeneinander, die natürlich auch ihr jeweiliges Wissen abgrenzen und schützen. Im Web wird ein Medium - so finde ich jedenfalls - umso besser, je mehr sinnvolle Verknüpfungen es enthält - ich versuche das, indem ich einzelne Artikel mit Texten anderer Autoren vernetze, z.B. hier jetzt mit Deinem
Stefan Münz:
Viele Firmen mieten sich heute eine Adresse vom Typ www.xy.com, stellen eine bunte Plakatwand (mit Frames, Java und Shockwave natürlich, um die Konkurrenz alt aussehen zu lassen) dahin und glauben, einen Jahrhundert-Clou zu machen, wenn sie die Kosten dafür mit denen für Hochglanzprospekte und Mailing-Aktionen vergleichen. Ein halbes Jahr später ziehen sie sich dann enttäuscht aus der Netzwelt zurück, weil die neue Werbeform nicht den erhofften Erfolg gebracht hat.
Wer im Web erfolgreich sein will, muß umdenken und sich von einigen liebgewonnenen "das-darfst-Du-niemals"-Prinzipien der Vergangenheit verabschieden. Wer im Web erfolgreich sein will, muß sich selbst als Teil der "Web-Community" verstehen, das heißt, uneigennützig Information, Software, Know How und Kommunikationsbereitschaft zur Verfügung stellen. Alles andere findet der Suchende auch in Branchenbüchern, Produktkatalogen von Drittanbietern oder in Wirtschaftsdatenbanken.
Schenke den Leuten etwas, das sie brauchen können. Viele werden es natürlich nur nehmen, ohne etwas dafür zurückzugeben, aber andere werden Dir etwas zurückgeben, das Du brauchen kannst. Und so ganz nebenbei entstehen dabei auch Geschäftskontakte.
CK.:
Wie bist Du darauf gekommen, Dich so umfassend mit Hypertext zu beschaeftigen? Das machen ja nicht alle, die HTML lernen oder lehren.
Stefan Münz:
Bei mir war es umgekehrt: ich bin überhaupt nur deshalb auf HTML (und auf das WWW) gestoßen, weil ich mich für Hypertext interessierte. Schon seit 15 Jahren schwebt mir so etwas wie ein "vernetzter Erkenntnisraum" im Kopf herum, aber erst nachdem ich Anfang der 90er Jahre zur EDV gekommen und schließlich auf den Begriff "Hypertext" gestoßen war, nahm das Interesse konkretere Gestalt an. Ich probierte Hypertext-Software aus, die ich auftreiben konnte, schrieb ein eigenes kleines Hypertextprogramm, entdeckte die Windows-Hilfe als elektronisches Publikationsmedium und hörte schließlich am Nebentisch einer Kneipe zum ersten Mal von WWW und HTML reden. Bis dahin war alles, was ich tat, letztendlich mein Privatvergnügen. Seitdem ich aber im Web publiziere, hat alles eine neue Dimension bekommen: plötzlich kennen mich fremde Leute und erwarten von mir, daß ich auch weiterhin auf den Gebieten aktiv bin, in denen ich mich hervorgetan habe. Das spornt zusätzlich an und behindert den ewigen Hang zur Trägheit.
CK.:
Woran arbeitest Du gerade? Was sind Deine nächsten Projekte?
Stefan Münz:
Der letzte Update der HTML-Doku liegt schon wieder ein paar Monate zurück, einige Informationen darin stimmen nicht mehr, einiges will ich noch hinzufügen, außerdem will ich das ganze Dokument neu und feiner gliedern - hypertextgerechter. Eine Version 6.0 ist deshalb in Arbeit, aber auf einen Termin kann ich mich noch nicht festlegen. Daneben pflege ich ein
CK.:
Hast du bestimmte Wünsche oder Träume für die Zukunft??
Stefan Münz:
Wenn ich drei Wünsche frei hätte, würde ich mir als erstes wünschen, immer genügend Kraft zu haben, um meine Wünsche so gut es geht aus eigener Kraft in Wirklichkeit umzusetzen. Die anderen beiden Freiwünsche würde ich verschenken.
Interview:
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