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Neue Programme:

"Virtual Friends"
- eine Beziehung?

"Jetzt erhältlich für PC und Mac: die virtuelle Freundin, der virtuelle Freund - mit Geld-zurück-Garantie!" Verblüfft starre ich auf den ersten Satz der marktschreierischen Werbemail und bringe es nicht fertig, wie üblich sofort den Delete-Button zu drücken. Ist das wirklich ernst gemeint, oder will mich hier einer verkohlen? Offensichtlich meinen sie es ernst, denn es geht weiter:

"Der virtuelle Freund und die virtuelle Freundin sind Programme der Künstlichen Intelligenz: Du kannst sie sehen, mit ihnen sprechen, ihnen Fragen stellen, ihnen Geheimnisse anvertrauen, ja, eine richtige Beziehung zu ihnen haben! In den heißesten Situationen kannst Du sie beobachten und dabei mitmachen, auf Wunsch bringen sie auch weitere Partner mit!"

Aha, also ein Sexprogramm, irgendein interaktiver Striptease, nichts Besonderes, oder doch? Die altbekannten Klischees vom kommunikationsunfähigen PC-Freak kommen mir in den Sinn, der - vor seinem Monitor festgebacken - nicht mehr in der Lage ist, mit echten Menschen umzugehen. Falsch: diese Gruppe ist verschwindend klein, wie Untersuchungen gezeigt haben, aber riesengroß der Markt für Pornografisches - nicht anders als im "echten Leben".

Also Porno, nackte Tatsachen, interaktiv aufgepeppt, vergiß es!, denke ich mir und lese doch weiter:

"Sie erinnern sich an deinen Namen, an deinen Geburtstag, an deine Vorlieben und Abneigungen. Und jedes Mal, wenn du das Programm startest, werden sie andere Dinge sagen, sich anders verhalten, eine ganz andere Persönlichkeit sein! Es ist, als wenn du mit jemandem sprichst: ihr Verhalten ändert sich, je nach dem, was du sagst, du kannst sie verärgern oder ihnen gefallen. Du kannst sogar einfache Unterhaltungen mit ihnen haben!"
So langsam komme ich ins Grübeln: hier wird weit mehr als Sex versprochen, der virtuelle Freund und die virtuelle Freundin sollen "richtige Beziehungen" bieten - folgerichtig wendet sich das Angebot auch an Frauen. Und mal ernsthaft: sind diese künstlich intelligenten Freunde nicht vielleicht eine echte Alternative? Mal beiseite gelassen, daß sie noch nicht körperlich anwesend sein können, sondern ihr Leben auf dem Monitor fristen ("Passwort-geschützt!") - ist es nicht weit mehr, als eine "echte" Beziehung bieten kann, was hier versprochen wird? Beständigkeit, Erinnerung - und doch bei jedem Programmstart etwas Neues? Eine immer andere Person, die man neu erobern muß - wäre das nicht ein echter Fortschritt?

Wieviele klagen doch über die Eintönigkeit, die sich in ihre Beziehungen einschleicht: man kennt sich, man weiß, was der andere denkt. Mit der Fremdheit scheint ein Stück Freiheit verloren zu gehen, weil man auf die Gefühle des anderen Rücksicht nimmt. Wir verhalten uns erwartungsgemäß - bis es garnicht mehr geht, weil wir uns, ob wir wollen oder nicht, ständig verändern, aber glauben, dem Freund, bzw. der Freundin diese Veränderung nicht zumuten zu können. Wenn der Veränderungsdruck, den wir in uns zurückstauen, zu groß geworden ist, dann ist das Ende der Beziehung gekommen: ein Anderer muß her, einer, der uns so kennenlernt und schätzt, wie wir "wirklich" sind, das heißt, wie wir mittlerweile geworden sind.

Andrerseits irritiert es uns aufs Schärfste, wenn unser allernächster Mitmensch plötzlich anders agiert und reagiert, als wir es von ihm kennen: plötzlich ärgert ihn etwas, das ihn gestern noch kalt gelassen hätte, mit einem Mal findet er Dinge abscheulich, die er vorige Woche noch begeistert in den Himmel hob - das macht Angst, wie damit leben? Offensichtlich besteht hier ein unlösbarer Widerspruch im eigenen Wollen und Sein, der immer wieder zu Trennungen, zu Leiden, zu neuen Anläufen, Hoffnungen und neuer Verzweiflung führt. Können uns da die "virtuellen Freunde" heraushelfen?

"Und jedes Mal, wenn du das Programm startest, werden sie andere Dinge sagen, sich anders verhalten, eine ganz andere Persönlichkeit sein! Es ist, als wenn du mit jemandem sprichst: ihr Verhalten ändert sich, je nach dem, was du sagst, du kannst sie verärgern oder ihnen gefallen". Was heißt denn das konkret? Innerhalb eines Programmablaufs ist die Persönlichkeit des "ANDEREN" fest, unveränderlich. Bestimmte Dinge können ihn verärgern, andere nicht. Wenn mir das langweilig wird, starte ich das Programm neu und treffe auf eine andere - ebenso feste Persönlichkeit. Was ist daran intelligent? Nichts!

Allerdings geht es uns letztlich nicht um die Intelligenz von Programmen, sondern um ein glückliches Leben. Hilft uns dabei ein "virtueller Freund?" Ich fürchte, daß das niemals der Fall sein wird, so intelligent die Programme auch werden mögen. Denn das Wort "Freund" ist - angesichts der Möglichkeit, beliebig einen neuen Programmablauf zu starten - jeder Bedeutung entleert. "Freund" heißt: "Obwohl du dich verändern kannst, obwohl ich dich nie ganz kennen kann, bekenne ich mich zu Dir". Realistisch betrachtet, bezeichnet das Wort "Freund" eine Utopie, ein Ideal, von dem wir nicht wissen, ob wir es jemals auf Spitz und Knopf in der Realität leben können - aber ohne das Ideal können wir auch nicht leben, bzw. unser 'Leben' wäre dann nichts als ein bloßer Programmablauf.

Geheimnis"Du kannst sie sehen, mit ihnen sprechen, ihnen Fragen stellen, ihnen Geheimnisse anvertrauen...", ja, das mag sein, aber darum geht es nicht. Der Andere ist nicht der, der sich ein Geheimnis merken kann, der Andere IST DAS GEHEIMNIS.

Was für ein Geheimnis? Was ist am Anderen geheim? Wenn ich mir diese Frage eine Zeit lang stelle, so merke ich, daß das Geheimnis des Anderen nichts anderes ist, als das Geheimnis des 'eigenen' Selbst. Wie kommt es, daß ich mich verändere? Warum werde ich so und nicht anders? Alle Wissenschaften, nicht die Psychologie, die Genetik, die Neurowissenschaften, sie alle schaffen es nicht, mit letzter Sicherheit die Art meiner Veränderung vorauszusehen. Ich - der Mensch - bin eben kein Programm, kein Automat! Das ist der Kern unserer Chance zur Freiheit und gleichzeitig unsere größte Angst. Allein deshalb versuchen wir, mit all unserer Intelligenz die Welt zu einem großen Automaten zu machen: damit nichts Unvorhergesehenes mehr geschieht, auf daß wir uns sicher fühlen können. Mögen wir niemals die Macht haben, es wirklich zu schaffen!

- © CKlinger -