Von der Freiheit im NetzDer Kampf für das Recht auf die freie Rede, das freie Publizieren für jede und jeden, gegen Zensurmaßnahmen aller Art eint die Netzgemeinde - wobei die einen mehr das Verbreiten von Informationen und Meinungen im Blick haben, die anderen einen globalen und freien Markt. Ja, es ist etwas Wunderbares, heute etwas aufzuschreiben (zu malen, zu komponieren...) und sofort ins Web zu stellen, abrufbar für Millionen, ohne viel Geld, ohne Beziehungen, ohne Wartezeiten bis zur Veröffentlichung! Es ist ein Entkommen aus der ansonsten total verregelten Welt, wo unzählige Vorschriften und Gesetzen viele - durchaus legale - Aktivitäten verhindern. Die Struktur des Internet unterstützt freies Publizieren: ohne "Veranstalter" wächst es mehr oder weniger anarchisch. Ob ich meine Daten auf einem amerikanischen Server oder auf einer Maschine in Bayern lagere, macht keinen Unterschied. Mit lokalen Gesetzen ist dem also schlecht beizukommen, autoritären Regimen gelingt es nicht, konträre Meinungen und Diskussionen zu unterbinden. Die Rückseite dieser Freiheit: auch Pornografie, Gewaltverherrlichung, Rechtsradikales finden sich im Netz, der Schutz von Kindern und Jugendlichen ist tatsächlich ein Problem, das nicht einfach technisch zu lösen ist: Elterliche Achtsamkeit ist gefordert in einer Zeit, in der viele ihr Kind gern dem allzeit unterhaltsamen Computer überlassen. Paradiesische Zustände, wie sie zur Netz-Legende gehören, kennzeichnen allermeist große Anfänge. Schon jetzt gibt es gewaltige Auseinandersetzungen um ein künftiges weltweites Copyright: die Mediengesellschaften verlangen (unterstützt von den Amerikanern, die sich hier als Hardliner zeigen) eine so strenge Gesetzgebung, daß jeder Surfer durch das bloße Ansehen von Web-Seiten zum Kriminellen wird. Es gibt Software, die das Linken oder Downloaden von Bildern technisch verunmöglicht. Filmgesellschaften gehen gegen FAN-Seiten z.B. der Star-Trek-Gemeinde mit harten Bandagen vor. Die friedlichen Zeiten, wo jeder auf seiner Homepage machen konnte, was er wollte, sind bereits vorbei und es ist auch abzusehen, daß die biligen Pauschalpreise für den Netzzugang einer genauen Berechnung des übertragenen Datenvolumens weichen werden. Zu schlechter Letzt: mit zunehmender Netzlast werden zahlungskräftige (=Kommerzielle) und staatswichtige (Wissenschaft u.a.) Netz-User ihre schnelle Überholspur bekommen, der Privatverkehr darf dann warten... Der 'großen Freiheit' steht im übrigen eine ebenso große Unfreiheit gegenüber: wer das Medium nicht nutzen kann oder will, wird nicht mehr mitreden und mitbestimmen können: Die Freiheit des Internet bedingt den Zwang zur Technik, womit nicht nur gemeint ist, bestimmte Geräte zu nutzen (die immer einfacher bedienbar werden) und Fähigkeiten zu erwerben, sondern auch Anpassung an die sich überstürzenden Zyklen der Veränderung: bevor wir richtig dazu kommen, die Folgen eines Ereignisses einzuschätzen, steht bereits etwas Neues, daraus Entstandenes vor uns und verlangt sofortige Reaktion. |