Zwischen Untergangs- stimmung und Cyber- Euphorie

zwischen den Jargons der Eliten und dem Stammeln der Null- Medien

zwischen todernst und immer- gut- drauf

gibt es jetzt:

MISSING LINK



Editorial:

Hallo Leserin, hallo Leser!

Was heißt denn Missing Link? Anthropologen suchten lange nach einem Zwischenstadium zwischen dem Menschen und seinen affenartigen Vorfahren: das fehlende Glied, das "Missing Link", wurde jedoch nie gefunden. Spötter meinen, der Mensch selbst sei das Missing Link - den richtigen Menschen gäbe es noch garnicht! Angesichts der niemals endenden Kriege und Bürgerkriege, der weltweiten Verteilungskämpfe und des rücksichtslosen Verbrauchens der natürlichen Schätze der Erde eine naheliegende Sicht. Allerdings geht sie davon aus, daß der Mensch sich von einem Zustand des tierisch Bösen hin zum menschlich Guten entwickelt, die wir heute nicht mehr naiv teilen können:

Zwar beklagt die öffentliche Meinung den "Werteverlust" und die Auflösung traditioneller Gemeinschaften - in der Werbung sitzt noch immer die fröhliche Familie um den Frühstückstisch - aber dies alles ist nur noch Folklore angesichts einer Realität, die vom Einzelnen volle "Flexibilität" und die stete Bereitschaft verlangt, sich den technischen und global-ökonomischen Bedingungen jederzeit anzupassen. Wer dies nicht leisten will oder kann, droht völlig aus dem Schutzbereich bürgerlicher Rechte herauszufallen - und zwischen denen, die es schaffen, tobt der Kampf des "Survival of the Fittest".

Das Internet beschleunigt diese Entwicklung, es birgt Gefahren, aber auch Chancen: Die traditionellen Organisations- und Kommunikationsstrukturen, die durch das Netz bedroht sind, haben ja nicht nur angenehm-schützende Seiten, sie stehen auch für lähmende Erstarrung, Bürokratie, Hierarchie und Denkfaulheit.

Missing Link - ein kleines Ezine für Cyberspace, Philosophie und Kultur - wird beide Gesichter der vernetzten Welt teilnehmend beobachten: die grausame Seite, die droht, uns zu Funktionären des Netzes zu machen, zu einer Art Peripheriegerät, dessen menschliche Eigenschaften nurmehr ein Gefahrenpotential für eine technisch voll durchorganisierte Welt darstellen - und die andere Seite, die uns dazu inspiriert, die Dinge neu zu denken, neue Formen von Gemeinschaft und Zusammenarbeit auszuprobieren und unsere Art, die Welt zu erleben, zu bewerten und darin zu handeln, radikal in Frage stellt.

Sie sind herzlich eingeladen, sich an "Missing Link" zu beteiligen, zu kommentieren, zu kritisieren und Texte beizusteuern! Beiträge müssen nur berücksichtigen, daß es in unserer komplexen Welt unmöglich geworden ist, in traditionellem Sinn gebildet zu sein. Es gibt nur noch die Bildung Einzelner in ihren jeweiligen Spezialgebieten. Ein Text soll deshalb aus sich heraus verständlich sein und eine klare Sprache sprechen - nicht ein wie immer geartetes Spezialwissen voraussetzen. Gerade die Philosophie wird in ihrer ursprünglichen Bedeutung auf den Kopf gestellt, wenn ihre Texte nur noch einem Fachpublikum zugänglich sind, denn: "Verwunderung war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens" ;-)


Claudia Klinger - Berlin, September 1996