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Compuserve-WorldMaster: Ein Cyborg kämpft gegen Nacktheit |
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Wir stehen hier also garnicht mehr einer Menschengruppe gegenüber, sondern einem Cyborg, einem Mensch- Maschine- Zusammenhang, der nicht mehr in Kategorien wie "wertvolles Projekt", "Kultur", "Kunst" denkt, sondern eher in Fragen wie: Fleischfarben oder nicht fleischfarben? Nackt oder angezogen? ![]() ...und sie erkannten, daß sie nackt waren. |
23. Dezember '96 Da hat es also "Human Voices" nun auch erwischt: Am 18. Dezember meldete sich per E-Mail der "Compuserve-WorldMaster" und teilte mit, daß die Datei "tiff.htm" aus dem Literaturprojekt zum Mitschreiben gegen die "RULES" verstoße. Inhalte dieser Art seien auf Compuserve-Homepages nicht gestattet, ich solle eine Seite mit Warnhinweisen vorschalten. Am Ende des Schreibens hieß es dann: "Once you have made the necessary modifications, and re-upload your Home Page, it will become available immediately." Es stand also zu befürchten, daß sie die Seite bereits gelöscht hatten - zum Glück fand ich sie noch vor, als ich erschreckt nachschaute!
Eine Maschine kennt keinen KontextSatire, Kritik, Kunst ist nicht dasselbe, wie die Sache, die kritisiert, dargestellt oder diskutiert wird! Compuserves Bewertung von Webseiten und ihres Inhalts rein anhand verwendeter Abbildungen oder einzelner Wörter und ohne jeden Blick auf den Kontext, empfinde ich als ungerechtfertigte Beschränkung der Veröffentlichungsfreiheit. Das inkriminierte Bild illustriert und "zitiert" genau die im Text angeprangerten Fantasien und ist integraler Bestandteil einer insgesamt kritischen Arbeit. Es muß möglich bleiben, im Rahmen gesellschaftlicher Kontroversen auch literarisch, satirisch u. künstlerisch Stellung zu beziehen, ohne daß die Produkte gleich - zusammen mit der Sache, um die es geht - in den Giftschrank geschlossen werden!Nun mag man die kulturellen Unterschiede, die Prüderie der Amerikaner und die Rechtssituation in den USA anführen: ich meine nicht, daß uns das zu fraglosem Zustimmen zu einem solchen Vorgehen bewegen muß. Compuserve könnte die Seiten auch auf einem europäischen Server speichern, wenn es nur darum ginge, amerikanische Rechte und Gepflogenheiten zu achten. Im kürzlich verabschiedeten Telekommunikationsgesetz werden Webseiten im Prinzip den Printmedien gleichgestellt. Ich meine also, daß auch die entsprechenden Rechte verteidigt werden sollten, die jemand hat, der etwa ein Flugblatt oder eine Zeitung herausgibt. Mit den Cyborgs lebenEinige schnelle Leser fragten gleich nach dem Vorfall empört: Wie bitte, Pornografie? Das Bild ist ja lächerlich harmlos und Human Voices ist doch ein Kulturprojekt - wie kann man sich denn ausgerechnet daran vergreifen? Ganz einfach: SIE haben andere Kriterien, formale Kriterien. Frontale Nacktheit, noch dazu "provozierende", gehört eben in "Level 4" zu den Folterszenen. Mit Sicherheit benutzt COMPUSERVE für das Scannen der Homepages Programme - wir stehen hier also garnicht mehr einer Menschengruppe gegenüber, sondern einem Cyborg, einem Mensch-Maschine-Zusammenhang, der nicht mehr in Kategorien wie "wertvolles Projekt", "Kultur", "Kunst" denkt, sondern eher in Fragen wie: Fleischfarben oder nicht fleischfarben? Nackt oder angezogen? Das sind Frage, die Maschinen entscheiden können, und mehr haben wir in Zukunft nicht mehr zu erwarten (menschliche Entscheider, die etwas auch im Zusammenhang bewerten können, will ja auch keiner mehr bezahlen!). Daran werden wir Menschen uns wohl gewöhnen müssen: Die "Symphatischen Geräte" haben längst das Sagen und sie versuchen ja - zumindest im Fall von Compuserve - nicht einmal zu verheimlichen, was sie tun: "Compu-Serve = dem Computer dienen".Moravec, der bekannte Robotiker, sagt uns eine Zukunft voraus, die uns als Menschen so langsam in Rente gehen läßt - immer mehr Entscheidungen werden an Programme delegiert und wir merken kaum, daß wir so langsam von einem stählernen Gehäuse umwachsen werden. Cyborgs wie Compuserve, Misch-Wesen aus vernetzten Programmen, Computern und Menschen werden mehr und mehr darüber bestimmen, wie wir zu leben haben, was wir noch tun dürfen und wie. Nacktheit als Beleidigung?Wer die Compuserve-Kriterien liest, wird feststellen, daß das Wort Pornografie nicht verwendet wird, also gerade nicht der soziale Kontext, sondern die bloßen Fakten: Nacktheit. Diese Vorgabe haben Menschen gemacht und ich bin nicht glücklich darüber, daß im Rahmen eines allgemeinen Roll-Backs Sexualität und Nacktheit wieder zunehmend tabuisiert werden. Werden wir demnächst wieder Sägemehl aufs Badewasser streuen, um den Anblick des eigenen Körpers nicht ertragen zu müssen, wie es in viktorianischen Zeiten kirchlicherseits empfohlen wurde?Je mehr verdrängt und weggeschlossen wird, desto schwülstiger werden die Fantasien, desto ertragreicher der Pornomarkt, desto leidvoller die Neurosen. Sexualität hat ihre dunkle Seite, zuvorderst die, das Objekt der Begierde eben zum bloßen Objekt zu degradieren. Aber wir alle sind sexuelle Wesen und das Wegsehen von den Dingen versetzt uns nicht etwa besser in die Lage, miteinander liebevoller umzugehen. Nur die Kenntnis der eigenen Abgründe jenseits von Verurteilungen bringt die Chance, dazu lockere Distanz zu gewinnen und dem Nächsten als Mitmensch zu begegnen - auch in der Sexualität.
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