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Claudia Klinger:

Cyberspace
- Zwischenbilanz einer Utopie

Ein Netz breitet sich aus, überwuchert die Erde, bildet eine neue Dimension aus Daten und Kabeln. Es wächst so schnell, daß wir kaum mit dem Erklären hinterherkommen, es wird ein gemeinsames Großhirn der Menschheit und schickt sich an, alle Lebensbereiche neu zu ordnen.
Es greift in die Welten der Arbeit und Freizeit ein, erzwingt neue Produktionsstrukturen, erschüttert überkommene Hierarchien und Institutionen. Es verändert die Art, wie wir einander begegnen, wie wir lernen und kommunizieren, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen. Sogar die gewohnte Art, einen (National-) Staat zu machen, Gemeinschaft und Gesellschaft zu bilden, sind plötzlich in Frage gestellt. Mit Highspeed ins Ungewisse - werden wir im Netz der Netze gefangen oder befreit?

Cyberspace, Datenautobahn, Information-Highway, Telepolis, Datasphäre, Matrix - vielfältig sind die Namen, mit denen wir versuchen, das auf den Begriff zu bringen und in den Griff zu bekommen, was da so unwahrscheinlich schnell wächst. Niemand hat es so geplant, wie es jetzt geworden ist und vielleicht wird es noch ganz anders werden, als wir es heute wünschen, fürchten, ja überhaupt voraussehen können

Die Utopie vom 'Global Village' des Marshall Mcluhan, in dem soziale Unterschiede ihre Bedeutung verlieren sollen, ist mittlerweile schon etwas angestaubt - aber das Entstehen einer 'Telepolis', also eines Abwanderns von Aufgaben und Funktionen der Städte in den Cyberspace ist keineswegs unwahrscheinlich. Weil es nicht mehr nötig ist, in den Städten zu leben, werden diese auf Dauer einen schweren Stand haben, wenn die in den neuen Techniken qualifizierten, gut verdienenden "Knowledge-Worker" zunehmend aufs Land abwandern. Denn - anders als in den heute immer unwirtlicher werdenden realen Städten - ist es im Internet leicht, öffentliche Plätze aufzusuchen, um sich mit anderen auszutauschen, Gleichgesinnte für die verschiedensten Interessen zu finden. Das Kaufen und Verkaufen auf den "virtuellen Marktplätzen" nimmt zu, Teleworker an ganz verschiedenen physischen Orten, ja in verschiedenen Ländern und Erdteilen arbeiten im Rahmen der gleichen 'virtuellen Firma', die weltweit agiert und immer dort produziert, wo die Bedingungen gerade günstig sind. Das Internet ist das Instrument der Globalisierung.

Die Macht der Nationalstaaten, Arbeit und soziale Sicherungssysteme gesetzlich zu regeln, schwindet, Unsicherheit macht sich breit. Städte und Gemeinden konkurrieren im Netz um Investoren und Touristen, mehr und mehr werden die Informationsbedürfnisse der Bürger von den Behörden über das Netz bedient. Bald werden auch Verwaltungsakte netzgestützt erfolgen, das spart Kosten und lästige Amtsbesuche werden unnötig. Aber wird man schon bald seine bürgerlichen Rechte überhaupt noch wahrnehmen können, ohne die neue Technik zu nutzen?

Auch die Medienlandschaft wandelt sich: Jeder Einzelne kann von überall her auf den unendlich scheinenden Datenbestand des Netzes zugreifen - ohne noch auf die Vorsortierung oder Bewertung der Inhalte durch andere Medien und Institutionen angewiesen zu sein. Der vergleichsweise billige Zugang zum WorldWideWeb, dem erfolgreichsten Teil des Internet, motiviert Millionen Menschen, dort selbst zu publizieren, sei es über ihre Arbeit, ihr Hobby, ihre letzte Urlaubsreise oder ein beliebiges Thema, dem ihre Liebe gilt. Verleger und Printmedien bangen um Ihre Stellung und führen entsprechend heftige Abwehrgefechte (z.B. das Miesmachen des Netzes als 'Brutstätte von Schmutz und Schund', der Kampf um ein rigides Copyright, etc.). Kulturpessimisten fürchteten gar gleich den Untergang des Buches und der ganzen gutenbergianischen Schriftkultur, wofür sich im Text-lastigen Internet zum Glück noch keine Anzeichen finden.

Wo die Definitionsmacht, was es mit einem Phänomen denn nun auf sich hat, derart ins Schwimmen kommt, wie das heute der Fall ist, kommen Deutungen und Prognosen auf, die - voll überschäumender Phantasie - viele utopische Konzepte der Menscheitsgeschichte als neue Techno-Utopien wieder erstehen lassen: Da träumen die einen vom Übermenschen, einer Mischung aus Mensch und Maschine, der als Cyborg mit dem Netz verbunden und so an einen Mega-Brain angeschlossen ist, der das ganze Wissen der Menschheit umfaßt. Andere meinen gar, daß dereinst der Mensch überholt sein werde und künstliche Intelligenzen unseren Platz auf diesem Planeten einnehmen werden.

Die Virtual-Reality-Technik, die heute als Computerspiel mit Datenhelm und Handschuh den Massenmarkt erobert, soll - zu Ende gedacht - nicht weniger bieten als eine neue perfekte Umwelt, die keinerlei Schäden und Probleme aufweist und vor allem eines ermöglicht: Macht und Kontrolle. Nicht nur im Reich der Unterhaltung lassen sich unendlich viele Anwendungen denken, auch komplexe Arbeit aus der Ferne wird dadurch möglich: Ein Chirurg operiert von den USA aus jemanden in einem Münchener Krankenhaus, ein Ingenieur steuert vom gemütlichen Sessel daheim den riesenhaften Braunkohlebagger in der Lausitz - an drei Orten gleichzeitig zu sein ("hier”, wo der eigene Körper ist, im virtuellen Arbeitsraum, wo das Bewußtsein ist, am fernen physischen Ort, wo die Wirkungen geschehen) wird voraussichtlich etwas ganz Normales werden.

Zustandsbeschreibung:
Die Kultur des Machens

Wo sich die Visionen einer neuen Zeit derart überschlagen, kann es nicht schaden, sich auf den Stand der Dinge zu besinnen und dabei den EIGENEN Standpunkt mit einzubeziehen:

Seit dem Erscheinen der Studie "Die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome hat die Welt widerwillig begriffen, daß menschlichem Schaffensdrang und dem Wunsch nach immer mehr Konsum in der physischen Welt Grenzen gesetzt sind. Zum ersten Mal meldete sich ein globales Bewußtsein zu Wort. Seine Botschaft: Die Vorräte des Raumschiffs Erde sind nicht unendlich, wir müssen uns etwas Anderes einfallen lassen, wenn wir überleben wollen! Eine mehr als bittere Einsicht für die entwickelten postindustriellen Gesellschaften, deren gesamte Ökonomie mit den darauf aufbauenden sozialen Verteilungssystemen auf stetes Wachstum angewiesen ist. Die seither entstandenen ökologischen Bewegungen, das grüne Bewußtsein, die Diskussion um alternatives Leben und Wirtschaften haben daran nichts geändert: zum allergrößten Teil ist Ökologisches Denken, sobald es in Handlungsanleitungen umschlägt, Techno-Ökologie: Mit denselben Mitteln, die für die Krise verantwortlich gemacht werden, will man das Übel stoppen, bzw. mildern. Technischer Umweltschutz dominiert, wohin man blickt: aufwendiges Recycling, nachträgliche Reparatur- und Reinigungsverfahren, mühsamer und kostenintensiver Arten- , Landschafts- und Naturschutz. Damit 20 Großtrappen-Vogelpaare überleben, wird ein 30 Millionen Mark teurer Schutzwall auf der geplanten Transrapidstrecke Berlin-Hamburg gebaut; zahllose grüne Initiativen produzieren tonnenweise Broschüren, Merkblätter und Zeitschriften, um den Rest der Welt über Methoden Rohstoff-sparenden Lebens zu informieren - die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen. Es wird geplant und gemacht, gebaut, gekauft, verbraucht, the Show must go on!PC aus!

Gegen den Imperativ des Machens hat das - besonders bei spirituell motivierten Menschen verbreitete - Verweisen auf eine Kultur des "Sein-Lassens" kaum eine Chance, mehr als ein neues ideologisches Mäntelchen zu sein. Es ist sehr schwer, etwas wirklich nur wahrzunehmen und es damit genug sein zu lassen: unser Bedürfnis, die Erfahrung zu erklären und zu bewerten, zu teilen, zu vermitteln, letztlich zu vermarkten, ist so tief einkonditioniert, daß ein momenthaftes Davon-Frei-Sein schon als Erleuchtung erscheint. Und wenn es für das einzelne Individuum schon so schwer ist: die große Frage der Gesellschaft "Wie soll es denn bitte ohne Wachstum funktionieren?" bleibt gänzlich ohne Antwort. Denn was für eine Politik wäre das, die das "Sein-Lassen" zur Leitlinie macht? Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Unterdrückung - alles so lassen? Nicht mehr darauf hoffen, daß demnächst ein intensiver Einsatz öffentlicher Gelder dem Übel die Spitzen nimmt? Es spricht für eine gewisse "Weisheit des Herzens", daß kaum jemand diesen Weg gehen mag, selbst wenn die Konsequenz - mangels einer Alternative - ein Sich-Abwenden von traditioneller Politik bedeutet, wie es von den Parteien und anderen Großorganisationen heute so heftig beklagt wird.

Aufbruch zu "neuen Grenzen"

Die Leitkultur der Wachstumsgesellschaften, die USA, hat Wachstum, Entwicklung und Fortschritt historisch bedingt immer auch als Ausdehnung in den Raum verstanden: nach Westen ("beyond..."), hinein in "unendliche Weiten". Im äußersten Westen angekommen, in Kalifornien, versuchte der ans räumliche Ende möglicher Ausdehnung gekommene Geist zunächst, in nicht mehr irdische Räume zu expandieren: der letzte Versuch innerhalb der Kategorie "physischer Raum", der Schritt in den Weltraum, stieß schnell an die Grenzen des Machbaren - zu groß war der Aufwand für erdgebundene Körper, als daß sich das All als neues Bewegungsziel hätte halten lassen. Der allseits ersehnte Star-Trek mußte sich mit einer 2nd-hand-Realität hinter den Kino-Leinwänden und TV-Bildschirmen begnügen - ein erster Hinweis auf das Kommende?

Wo es nicht mehr weitergeht, die Energie aber nach wie vor weiter treibt, geschehen Sprünge und Implosionen in neue, bisher unbekannte Dimensionen: Der Aufbruch in ein sogenanntes "New Age" entdeckte den menschlichen Geist, das Reich des Bewußtseins, als neue Ebene jenseits aller westlich-tradierten Grenzen. Immer amerikanisch-positiv meinten die von Californien ausgehenden Bewegungen, dieses "neue Land" ebenso einfach kolonisieren zu können wie die physische Welt, um endlich endlich das Paradies auf Erden zu errichten. Wir kennen die bunten Bewegungen, beginnend bei der Idee, mittels LSD und anderer Drogen den großen Bewußtseinssprung zu tun, über die vielfältigen Anleihen und Übernahmen östlicher Wege nach Innen, die schier unübersehbaren Methoden der Therapieschulen, die Sektenbewegungen, das Aufkommen vieler neuer spiritueller Lehren, die eine Synthese, manchmal auch nur ein beliebiges Patchwork der Sichtweisen und Methoden aus der Bewußtseinsgeschichte der Menschheit anbieten.

Leider geraten alle diese Bewegungen und die Individuen, die sie voller Elan mitvollziehen, schnell in die Mühen der Ebene, wo sich zeigt: Das Innen ist keine 'unbewohnte Welt', es ist leider nur allzu bewohnt von den Entsprechungen dessen, was uns im Außen so stört: Abgrenzungsbedürfnis und Feindseligkeit, Angst, Gier, Haß und Verblendung - dazu noch all das Stellwerk, das im Lauf der Geschichte errichtet wurde, um diese Grundkonditionierungen im Zaum zu halten: Vorstellungen, Moral, Glaubenssysteme, Verhaltenskodexe weltlicher und religiöser Herkunft - eine Art innere Industrielandschaft, alles pure Technik! - ganz der Industrielandschaft entsprechend, die uns von außen mehr und mehr umschließt.

Der ungeduldige Geist des Mainstreams nimmt sich allerdings nicht die Zeit, auf einen allgemeinen Bewußtseinsfortschritt zu warten: ausgehend vom kalifornischen Silicon-Valley hat er längst auf ein neues Pferd gesetzt, einen neuen "Raum" entdeckt, der nun dabei ist, sich als weitere Schicht der Wirklichkeit über den Planeten zu legen: Cyberspace, die unendliche Weite des Datenraums läßt ein weiteres mal die Illusion entstehen, es gäbe ein Land "jenseits”, das wir nur schnell erreichen und erobern müßten, um ans Ziel der Geschichte zu gelangen - oder, wenn die Philosophen der Postmoderne schon sagen, die Geschichte sei zu Ende, dann zumindest irgendwo anders hin - beyond!

Schillernde Cyberwelten:
Einsteigen ohne einzuschlafen

Einfach dagegen sein und sich raushalten, Kontakte mit Computern grundsätzlich vermeiden, Technik als Teufelswerk betrachten - wer kennt sie nicht, die Techno-Totalverweiger? Einzelne können das auch eine Weile lang tun. Aber schon bald wird das Internet in jedes Wohnzimmer reichen, das weltweite Kommunizieren, Publizieren, Informationen sammeln, vernetzt arbeiten und konsumieren wird so selbstverständlich wie heute das Fernsehen. Kompetent mit dem neuen Medium umgehen wird DIE Kulturtechnik sein - wie in der Gutenberg-Ära das Lesen und Schreiben.

Besser als die letztlich unfruchtbare Verweigerung ist das wache Beobachten dessen, was da entsteht - ein teilnehmendes Beobachten, bei dem wir uns auch selbst beobachten. Dies ist das beste Mittel, um nicht vom neuen Medium gänzlich verschluckt zu werden und tiefer einzuschlafen, als man es mit traditionellen Medien je vermocht hätte (Spötter nennen das Web nicht umsonst die "beste Traumwelt seit der Erfindung des REM-Schlafs!").

Einmal eingestiegen und eine Zeit lang - allein mit Maus und Monitor - die schillernden Cyberwelten erforscht, stellen wir die Frage: Was ist dran an den utopischen (ausgesprochenen und unausgesprochenen) Versprechungen? In welchem Maße werden unsere Bedürfnisse erfüllt durch die technische Schaffung eines globalen Kommunikations- und Informationsraums? Und zu welchen Kosten? Betrachten wir die folgenden Aspekte:



Das Spiel spielen

Wohin wir auch blicken, immer sehen wir uns selbst. Zwar kann ein Medium mit soviel Potential wie das Internet unsere Gewohnheiten in vielen Bereichen obsolet machen und uns zu großen Veränderungen zwingen. Manchen gefällt das, andere leiden darunter, je nachdem, ob man sich individuell dabei Gewinn oder Verlust ausrechnet. Ein "Jenseits”, ein Utopia ist der Cyberspace allerdings nicht, denn wir selbst sind eben immer noch die Alten! Die Karten werden neu gemischt, sie sind etwas bunter geworden, aber es ist noch immer das alte Spiel: der Kampf um Erfolg, die Hoffnung auf Glück, die Suche nach Liebe und Erkenntnis. Ziehen wir die Karten und spielen wir das Spiel! Solange wir nicht anfangen, neue Kaiser zu verehren, wird uns der Himmel nicht auf den Kopf fallen.

Claudia Klinger

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