"Hast Du Wünsche für die Zukunft?"

"Daß nichts bleibt, wie es ist..., und dabei die Menschen überall auf der Welt und in jeder Situation selber entscheiden können, wie sie leben wollen."

Annette Schlemm






















"Warum bist Du nicht an der Universität?"

"Warum? Weil ich inzwischen 30 Jahre alt war, weil ich inhaltlich eh selbständig arbeite, weil ich dran denken muß, auch was in die Familienkasse zu bringen..."































"Dann fand ich mitten im Studium einen guten Freundeskreis - ausgerechnet im Rahmen der offiziellen SED-Jugend- organisation FDJ, was mir jetzt natürlich "nicht gut zu Gesicht steht".









































"Allein diese Erkenntnis hebelt das Selbst- bewußtsein einer führenden Partei, die ihre Führungsrolle aus dem "Alles-besser- und-vorher- Wissen" (Manifest der Kommunistischen Partei) ableitet, schon aus."























"Noch zu späteren Ostermärschen trafen mich immer wieder mal abwertende Blicke der schon- immer- Dissidenten."












































"Mir ist bewußt, daß die jetzige Gesellschaft "nicht so bleibt, wie sie ist.". Sie kann es auch garnicht mehr angesichts der ökologischen Schäden, und der Zerstörung menschlicher Lebensgrund- lagen."


























"Und wenn uns dann die "Wessis" auch wieder nur vorwerfen, wir seien an unserer Situation selber schuld, wir müßten nur noch mehr Unternehmen gründen, risikovoller sein, fleißiger sein..., dann kommt schon Ärger auf."




















"Zeitweise hatte mein Leben fast nur aus Lesen bestanden. Glücklicherweise bin ich da raus gekommen."
































"Außerdem mach' ich ja den ganzen Kram wirklich nur aus Interesse. Für keine Karriere, kein Dissertations- kolloquium oder so. Das befreit kolossal...".











"Ich habe glücklicherweise auch viele Männer kennengelernt, die in ihrer Art so sind...".





































"Ich habe ... den Eindruck, daß die meisten nicht mir zuliebe zu den Treffen kommen, sondern daß tatsächlich tief in ihrem Inneren Saiten darauf warten, angeschlagen zu werden. "


























"...wer weiß, ob ich nicht nächstes Jahr mehrere Putzjobs suchen muß...."

Hypertext-Interview mit Annette Schlemm, Philosophin aus Jena:

Ich bin ich - Philosophieren in jeder Lebenslage

Ganz ohne Uni philosophiert Annette über alles, was spannend ist und bereichert das Web mit ihrem beindruckenden "Philosophenstübchen". Im folgenden Gespräch sind ihre Texte per Link erreichbar, damit man gleich an der richtigen Stelle weiterlesen kann.

CK.: Annette, seit kurzer Zeit bist Du mit Deinem Philosophenstübchen online, einem sehr weitläufigen eigenen Philososophie-Angebot. Wie ist es dazu gekommen?

Annette: Ich hatte gerade mein erstes Buch fertig, sollte den zweiten Band dazu schreiben... und hatte keine rechte Lust dazu. Ein Buch ist linear gegliedert, es macht große Mühe, das "Ich" da hineinzugeben.
Gerade zu dieser Zeit bot sich mir das neue Medium WWW an. Besonders seine Hypertextmöglichkeiten faszinierten mich. Also kam es dazu, daß ich erst nur spielerisch probeweise, dann aber immer mehr der schon auf Stapel liegenden Texte verlinkte. Einige Texte schrieb ich dann noch, weil sie in den verbindenden Linien gefehlt hätten. Jetzt habe ich auch wieder Lust, am zweiten Buch zu schreiben, weil ich hoffe, aus den Gesprächen mit meinen Besuchern für dieses Buch einiges ableiten zu können, zum Beispiel welche Themen, in welcher Art und wie behandelt...

CK.: Was ist Sinn und Zweck Deines Angebots? Was bringt es Dir und was willst Du damit erreichen?

Annette: Reinhold Messner antwortete auf eine solche Frage: "Wenn der Mensch eine Ader zum Tischlern hat, dann baut er Tische und fragt nicht permanent nach dem Sinn des Lebens. Dieses Tisch-Machen ist seine Antwort." Es bringt mir hoffentlich ein paar eMails und Briefe, in denen ich erfahre, ob meine Besucher(innen) sich bei mir wohlfühlen und welche Gedanken sie mitbringen und wieder mitnehmen.

CK.: Du bist keine akademische Philosophin. Das verwundert angesichts der intensiven und eigenständigen philosophischen Arbeit, die du leistest. Kannst Du kurz sagen, wie Du Philosophin geworden bist und warum Du nicht an einer Universität bist?

Annette: Hm, "Ich bin Ich". Irgendwie ist das halt so, daß ich in (fast) jeder Lebenslage philosophiere. Das ging spätestens mit 15 los, als ich begann, in einem Heftchen alles Mögliche aufzuschreiben, was mir durch den Kopf ging. Dann bin ich in der Lehre früh um drei Uhr in den Stall zur ersten Schicht und in der Vormittagspause brauchte ich mich nicht von der letzten Disconacht ausschlafen, sondern habe u.a. die billigen Reclambände über griechische Philosophie und damals auch besonders gern über Buddhismus gelesen. Dann hab ich aber erst mal richtig Physik studiert und das war auch gut so.
Ich hab da auf mathematischem Gebiet meine Grenzen ausgetestet, kann aber jetzt einigermaßen die Zusammenhänge in der Quantentheorie und Kosmologie nachvollziehen. Danach war eigentlich die philosophische Promotion geplant... aber ein (selbstgewählter! - dazu stehe ich -) Praxiseinsatz zog sich bis zur "Wende" hin und dann war's aus für mich mit institutioneller Philosophie.
Warum? Weil ich inzwischen 30 Jahre alt war, weil ich inhaltlich eh selbständig arbeite, weil ich dran denken muß, auch was in die Familienkasse zu bringen...

CK.: Was sind Deine Haupt-Interessengebiete in der Philosophie? Woran arbeitest Du gerade und warum interessiert Dich das?

Annette: Bis ich 23 war, hat mich das wirkliche Leben nicht so interessiert. Da war die Astronomie und die Philosophie sowas wie eine Flucht aus der Realität - nicht aus Kritik an der DDR, es war halt nur so langweilig...

Dann fand ich mitten im Studium einen guten Freundeskreis - ausgerechnet im Rahmen der offiziellen SED-Jugendorganisation FDJ, was mir jetzt natürlich "nicht gut zu Gesicht steht". Wir diskutierten über Politik, wir blieben zwar fast innerhalb der Grenzen des Erlaubten, aber wir haben trotzdem mindestens zwei Parteisekretären sehr zu danken, daß sie ihre Hände schützend über uns hielten. Dann ging es um ökologische Probleme und da konnte ich mein Wissen und meine Denkweise plötzlich gut einbringen. Ich las den "Dialog mit meinem Urenkel" von Jürgen Kuczynski und bekam das Gefühl, auch auf dem Gebiet der Gesellschaftstheorie könnte man noch interessante Sachen machen. Zwar hab' ich mich, gedanklich und auch literaturmäßig, bis zur Wende fast nur auf DDR-Gebiet aufgehalten, aber ich hatte das Glück, meine geistige Entwicklung selbst zu machen, zu steuern und nicht über Diplom, Kolloquien, Veröffentlichungen und Promotion "belehrend" zurechtgestutzt zu werden.

CK.:
Und was hast Du in der Gesellschaftstheorie gefunden ?

Annette: Ich hab' mir das herausgesucht, was auf Neues hinweist, nur das ist ja interessant und für was Uninteressantes hatte ich keine Zeit. Auf dem Gebiet der Naturphilosophie war das ein schon 20 Jahre altes, aber oft verleugnetes, heute nicht mehr gekanntes Konzept der Galaxienentstehung von W.A .Ambarzumjan aus Armenien (siehe mein Buch S. 48ff.). Aber das verblaßte in meinem Interesse dann angesichts der naheliegenderen menschlich-gesellschaftlichen Dimensionen meiner neuen Erfahrungswelt. Ich stieß auf den sog. statistischen Gesetzesbegriff von Herbert Hörz Wie eine Entdeckung war in diesem Zusammenhang dann das Selbstorganisationskonzept. Selbstorganisation als Modell von Entwicklungs(teil)prozessen hat z.B. die Eigenschaft, daß der Zustand des betrachteten Bereiches der Welt (System) zwar recht sprunghaft seine Qualität wesentlich verändert, aber: es gibt immer mehrere Möglichkeiten, welche der möglichen neuen Zustände das System einnimmt. Und bei der Entscheidung spielen zwar die vorher entstandenen - zum großen Teil selbst-erzeugten - Bedingungen eine große Rolle, aber auch Zufälle im genauen Zeitpunkt der "Wahl". Außerdem entstehen in diesem Moment viele neue Möglichkeiten überhaupt erst, sind also gar nicht vorherzusehen.

CK.: Das paßte ja kaum mehr zur Planwirtschaft....?

Annette: Allein diese Erkenntnis hebelt das Selbstbewußtsein einer führenden Partei, die ihre Führungsrolle aus dem "Alles-besser-und-vorher-Wissen" (Manifest der Kommunistischen Partei) ableitet, schon aus. Ich dachte, daß alles ohne Entmachtung der Partei weitergehen könne, daß die Partei nur zu lernen hätte, daß eine andere Art Demokratie zu realisieren sei. Dafür wollte ich theoretische Arbeit leisten. Später erfuhr ich, daß es einen Grund hatte, daß niemand anders das schon lange geschrieben hatte, was ich als völlig offensichtlich sah. Ich konnte auf dem Philosophenkongreß 1989 das alles in Ruhe vortragen, bei einer geplanten Veröffentlichung in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie sollte ich mich aber auf den harmlosen Teil beschränken, was ich dann nicht machte. Ich weiß nicht, wie es weitergegangen wäre - dann kam die Wende. Und jetzt wurde mein neues Wissen doch recht wichtig für mich und auch meine Freunde: Wir waren geistig schon raus aus den Vorgaben der Dogmatiker und brauchten uns aber auch nicht anpassen, sondern unseren eigenen denkerischen Weg gehen.

CK.: Du bist aus Jena, der Stadt, in der Hölderlin, Fichte und Hegel sich getroffen haben. Wie hast Du die Wende erlebt? Was hat das fur Dein Denken bedeutet?

Annette: Zur Zeit der Wende haben Hölderlin, Fichte und Hegel für mich so gut wie keine Bedeutung gehabt. Die Wende zog uns erst mal den Boden unter den Füßen weg: Job weg, Zukunftsaussichten -Promotion- weg...! Das Ende der DDR war für mich und meine Freunde (erst mal) keine Befreiung und auch keine Katastrophe. Irgendwie konnte ich analysierend "neben den Dingen" stehen. In die Prozesse rein konnte ich eh nicht, man kannte mich hier in Jena noch zu gut im Blauhemd der FDJ. Noch zu späteren Ostermärschen trafen mich immer wieder mal abwertende Blicke der schon-immer-Dissidenten. Daß ich also nun nicht zu denen gehöre, die mit dem Kampf gegen die DDR "Recht gehabt" haben, macht mich jetzt angreifbar ("Die hat gut reden, die war ja FDJ-Funktionär!"). Aber für mich war es gut so, weil ich nun sicher immer dabei bleibe, alles zu hinterfragen und sogar in meine Behauptungen die Berücksichtungen ihrer Bedingtheiten strukturell mit einzubauen. Soll ja ein gutes philosophisches Prinzip sein.

CK.: So warst Du erstmal ganz allein auf Dich gestellt?

Annette: Ich bin froh, daß wir es geschafft haben, einen Freundeskreis (Zukunftswerkstatt Jena ) zu erhalten, der jeder und jedem Einzelnen von uns ein wenig Halt gab, so daß wir gemeinsam die Verluste tragen aber auch gemeinsam in die neue Zukunft schauen konnten. Das erst hat für mich die Stadt Jena zu so etwas wie Heimat werden lassen. Wir beschäftigten uns sofort intensiv mit politischen Möglichkeiten der für uns neuen Welt. Wir fuhren viel "in den Westen", suchten Kontakte, lasen sehr viel... und überschritten die Horizonte, die wir uns früher selber als Grenzen gesetzt hatten. Das waren interessante Entdeckungsreisen.

CK.: Wie man in Deinem Text-Web sehen kann, bist du dann doch noch auf die Klassiker gekommen?

Annette: Zu den Klassikern aus Jena habe ich erst vor zwei Jahren richtig ernsthaft einen Bezug bekommen. Für das Buch mußte ich einfach die Hegelsche Dialektik vom Original her betrachten. Dazu gehört die Beschäftigung mit dem biographischen und gesellschaftlichen Umfeld. Und an dieser Stelle wird es interessant: Auch bei diesen Menschen wurde ihr geistiger Aufbruch initiiert durch reale gesellschaftliche Prozesse, nicht durch innertheoretische Fragestellungen allein. Ich lernte also einerseits, wie wichtig die Einbeziehung des Persönlichen ist (bei Fichte in "Die Bestimmung des Menschen" sehr gut nachzuvollziehen, bei den anderen und später schon wieder versteckt). Andererseits versuche ich auch nachzuvollziehen, wie ihr Weg nach dem euphorischen Aufbruch dann weitergegangen ist, wie sie sich alle an den sich verkrustenden Realitäten wund und kaputt stießen.

CK.: Hat Dein Denkweg Dir auch etwas gebracht, was unsere Situation heute betrifft? Werden wir alle nur "kaputt gestoßen" oder wird da noch etwas kommen?

Annette: Mir ist bewußt, daß die jetzige Gesellschaft "nicht so bleibt, wie sie ist.". Sie kann es auch garnicht mehr angesichts der ökologischen Schäden und der Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen. Der typische Prozeß vor einem "Sprungpunkt" (aus der Selbstorganisationstheorie), daß das an sein begrenzendes Maß gelangende System innerhalb seiner Wirkungszusammenhänge nur noch kontraproduktive Aktivitäten starten kann, war in der DDR zu beobachten und auch jetzt für das herrschende Weltwirtschafssystem wieder...Das habe ich in meiner Gesellschaftsanalyse ausgeführt.

CK.: Was sagst Du zur noch immer vorhandenen Kluft zwischen Wessis und Ossis? Was sind die wichtigsten Punkte, an denen ein Verstehen, ein Miteinander schwierig ist?
Mich wundert manchmal, das "Ossis" so sehr die profitorientierten Zustände beklagen. Soviel ich weiß, hat doch genau diesen Punkt die DDR-Propaganda unermüdlich in den Blick gerückt! Hat man im Osten denn geglaubt, den Westen wenden zu können durch die Vereinigung? Interessanterweise bringt diese Vorwurfshaltung der "Ossis" uns "Wessis" in eine eigentümliche Identifikation mit den Verhältnissen, die so vorher nie da war.

Annette: Ich habe gleich nach der Wende im Westen viele Menschen kennengelernt, die mir viel näher stehen als manche(!) "Ossis". Über die Verhältnisse in dieser Gesellschaft, die jetzt zu uns rüberschwappte, hatte ich keine Illusionen, da konnte nichts enttäuscht werden. Die Wehleidigkeit kann ich also auch nicht so ganz nachvollziehen. Trotzdem ist es natürlich für manche/n bitter, nun nicht mal den bisher "normalen" sozialstaatlichen Kapitalismus ausprobieren zu können, sondern gleich in einen weltweiten Umbruchprozess mit massiven Sozialkürzungen, Rechteabbau usw. geworfen zu werden.
Und wenn uns dann die "Wessis" auch wieder nur vorwerfen, wir seien an unserer Situation selber schuld, wir müßten nur noch mehr Unternehmen gründen, risikovoller sein, fleißiger sein..., dann kommt schon Ärger auf.
Mir hilft da die "große Übersicht" über umfassende ökonomische und gesellschaftspolitische Zusammenhänge. Aber es ist ja nicht jeder ein Theoretiker!

Ansonsten kämpfe ich auf geistigem Gebiet damit, daß ich von manchen zum alten Eisen geworfen werde. Ich habe die "Abrechnungsschriften" gegen den in der DDR sehr exponierten Herbert Hörz gelesen. Ich weiß, daß damit auch seine Inhalte abgelehnt werden. Das ist meist nicht mit allzuviel Kenntnis verbunden. Auch Linke lehnen nun Herbert Hörz nur nach Namensnennung ab - weil sie ihm vorwerfen, andere Leute auch nur aus Prinzip abgelehnt zu haben... (Inhaltlich gehe ich ja längst meinen eigenen Weg, aber es ist auch ein wenig Prinzip, daß ich zu meinen Ursprüngen stehe...) Andererseits habe ich aber doch auch schon so viel dazugelernt, daß mir alte Freunde vorwerfen, die "Stellung gewechselt" zu haben (mein Yoga-Text sei nicht mehr materialistisch). So zwischen den Stühlen sitzt´s sich schlecht. Man bleibt also immer in Bewegung und das ist gut so...

CK.: Du hast Dein Buch erwähnt, magst Du kurz sagen, um was es darin geht?

Annette: Es geht um die Entwicklung in der Natur: selbstorganisierende Prozesse vollziehen sich nach typischen Entwicklungsprinzipien, deren Kenntnis helfen kann, uns selbst innerhalb von Entwicklungen zu verstehen und über unsere Handlungen nachzudenken. Wer mag, kann das genauer nachlesen, - kürzer geht's nicht! So ab 3. November wird auch ein Gespräch darüber im Philosophiestübchen stehen.

CK.:Es fällt auf, z.B. in Deinem Philosophischen Tagebuch, daß Du tatsächlich im eigenen Alltag philosophierst, das Denken über Mensch und Welt scheint für Dich nicht nur eine Beschäftigung unter anderen, sondern hat wirklich etwas mit Deinem Leben zu tun. Verändert das, was Du gerade liest, Deine Sicht auf die Welt und auch Dein Leben?

Annette: Angesichts der Fülle an lesbaren Material muß ich natürlich stark auswählen. Ich habe immer Angst davor, daß ich mal nur noch das lese, was sich im eigenen Kreis dreht (selbstreferentiell) und ich mangels Zeit die Offenheit für Neues verliere. Für Belletristik habe ich z.B. fast gar keine Zeit mehr. Zeitweise hatte mein Leben fast nur aus Lesen bestanden. Glücklicherweise bin ich da raus gekommen. So ist jetzt eine gegenseitige Verflechtung von Leben und Lesen und Reden und Schreiben entstanden.

CK.:Mich beeindruckt an Deinen Seiten die sehr persönliche Art, die Gedanken vorzutragen. Glaubst du, daß das eine Fähigkeit ist, die besonders Frauen eigen ist oder kommt das eher von der Tatsache, daß Du nicht in eine Institution eingebunden bist?

Annette: Mein Mann hat beim Lesen des Buchmanuskripts vorsichtig gefragt, ob ich mich nicht zu oft in den Vordergrund stelle durch die "Ich-"Form. Das hat mir zu denken gegeben. Aber das "Was" wird nur durch ein ehrliches "Warum" auch wirklich offenbar und das ist nicht nur die reine Denklogik, sondern die persönliche Art und Weise, die Welt zu sehen, in ihr zu leben.

Außerdem mach' ich ja den ganzen Kram wirklich nur aus Interesse. Für keine Karriere, kein Dissertationskolloquium oder so. Das befreit kolossal, da ich ja auch die andere Variante kenne. Wenn ich 1990 ein Dissertations-Stipendium bekommen hätte, wäre ich den steif-objektivistischen Weg gegangen (Ich hab das Projektpapier noch da...). Seit auch für mein Umfeld die Beschäftigung mit diesen Dingen nicht mehr vorwiegend "Beruf" oder Berufsvorbereitung ist, steht die persönliche Motivation, es trotzdem zu machen (Tische zu bauen...) sowieso im Vordergrund. Zur theoretischen Motivation dieses Vorgehens verhalf mir dann auch erstens die klassische deutsche Philosophie (Reflexion der Reflexion, aber eben nicht nur begrifflich-logisch) und zweitens die Praxisphilosophie.

CK.: Also ist das nicht "unbeschreiblich weiblich?" ;-)))

Annette: Ich habe glücklicherweise auch viele Männer kennengelernt, die in ihrer Art so sind (aber nicht unbedingt ein Buch oder ein Internet-Projekt geschrieben haben) und ich kenne viele Frauen, die ihre Persönlichkeit gar nicht erst entwickeln und dann auch nicht ausdrücken können und wollen. Laut feministischer Lehre sollte ich zwar die Weiblichkeit in der eher persönlichen und assoziativen Kommunikation betonen - aber in meiner Lebensgeschichte ist das nicht besonders deutlich.

CK.:Du arbeitest nicht nur ganz allein vor Dich hin, Du veranstaltest auch philosophische Gesprächskreise. Kannst du dazu ein bißchen erzählen?

Annette: Primär sind es gar nicht die philosophischen Gesprächskreise, sondern die normalen Lebensfelder, in denen mich die Menschen kennengelernt haben, zum Beispiel die Zukunftswerkstatt Jena, der Wohnverein "Lebens(t)räume, der Tauschring " Saaletaler" , das Frauenzentrum, die ABM-Kollegen...
Die meisten Gespräche führen wir da immer mal innerhalb der Gelegenheiten, bei denen wir uns sowieso treffen. Ich muß dabei die Balance finden zwischen meinem "Überlaufen" (weil ich immer zu viel zu erzählen habe) und dem Mich-Zurücknehmen und Zuhören. Vor noch gar nicht allzulanger Zeit begann ich, Extra-Treffen vorzuschlagen und zu organisieren (Räumlichkeiten sind bei uns ein Problem, weil man sie bezahlen muß und meine Wohnung nicht ausreicht).
Ich bemühe mich, nicht allzusehr in den "Referat-Anfragen"-Stil zu kommen, sondern eine Art Gespräch zu organisieren, etwa mit Hilfe der Methoden der Philosophischen Zukunftswerkstatt.

CK.:Was für Leute nehmen da teil, für was interessieren sie sich? Was willst Du mit solchen Veranstaltungen bewirken?

Annette: Obwohl die Veranstaltungen öffentlich bekannt sind (wenn auch nicht massiv geworben wird), kommen tatsächlich nur die Bekannten aus den verschiedenen anderen Lebensbereichen. Das ist auch bei anderen Leuten und anderen Veranstaltungen meist so.
Es hat den Vorteil der persönlichen Vertrautheit und Offenheit und bringt auch Menschen aus meinen Lebensfeldern zusammen, die nicht selbst auch in allen verschiedenen Gruppen sind. Inhaltlich kann man dann nach einer Weile tiefer gehen, weil es ein gemeinsamer Lernprozeß wird.

Ich möchte gern auf diese Weite weitermachen. Es entscheidet sich aber immer erst in einem Gespräch, ob es Interesse und einen Themenvorschlag für ein weiteres Treffen in diesem Kreise gibt und ob man weitere Interessierte einlädt. Wenn die Leute mal die Nase voll haben (oder einfach keine Zeit mehr), dann kann ich sie mir auch nicht "herzaubern". Ich habe aber schon den Eindruck, daß die meisten nicht mir zuliebe zu den Treffen kommen, sondern daß tatsächlich tief in ihrem Inneren Saiten darauf warten, angeschlagen zu werden. Das mache dann nicht unbedingt ich, sondern das Thema selbst oder andere Teilnehmer(innen). Wenn das gelingt, haben wir gemeinsam "Tische gebaut", ohne krampfhaft etwas bewirken zu wollen. Wer mag, kann mehr lesen über die Zukunftswerkstatt mit philosphieinteressierten Schüler(inne)n, das Philosophiegespräch in der Zukunftswerkstatt Jena oder die Gesprächsrunde zu meinem Buch.

CK.: Was machst Du außerhalb der Philosophie? Was arbeitest und lebst Du? Wie kannst Du das mit Deiner intensiven philosophischen Arbeit vereinbaren?

Annette: Noch leben wir sozial gesichert (mein Mann ist Physiker an der Uni, ich habe eine ABM). In einem Jahr wird's kritisch. Das überschattet alles ein wenig. Ich habe als Physikerin keine Berufschance. Jetzt jobbe ich in der ABM als Sachbearbeiterin, habe recht gute Bedingungen... Gerade deshalb arbeite ich jetzt intensiv fachlich, wer weiß, ob ich nicht nächstes Jahr mehrere Putzjobs suchen muß...

Ansonsten habe ich eine prima Familie. Meine Mutti lebt bei uns. Diese menschliche Geborgenheit ist total wichtig (wenn ich's ihnen auch nicht immer danke). Nach einigen Problemen in den ersten zwei Nachwendejahren habe ich mich damit abgefunden, daß das Philosophieren immer nur Hobby in der Freizeit bleiben muß. Daß es ihm qualitativ gar nicht so schlecht bekommt, sehe ich jetzt (es fehlen zwar immer mal ein paar tiefernachgrasende Zitate aus der Fachliteratur, dafür ist die Themenwahl und der Bearbeitungsstil ganz anders). Tanja bringt viel Lebendigkeit und Freude rein, die mich auch seelisch trägt in den Arbeitsstunden. Ansonsten ist es jeder gewohnt, daß ich sogar beim Essenkochen lese und deshalb manchmal einiges schwarzgebrannt ist...

CK.: Was hältst Du vom Internet? Glaubst Du, daß das neue Medium eher Gutes bringt oder eher negative Folgen für die Menschen hat? Hat sich für Dich dadurch etwas verändert...?

Annette: Das liegt alles an uns! Das Internet ermöglicht uns die Mitgestaltung zumindest mehr als alle anderen Medien. Für mich hat sich vieles verändert! Dieses Interview gäb's sonst nicht...

CK.:Hast Du Wünsche fur die Zukunft?

Annette: "Daß nichts bleibt, wie es ist..." und dabei die Menschen überall auf der Welt und in jeder Situation selber entscheiden können, wie sie leben wollen...

Interview: Claudia Klinger 1.11.1996